In der Masse liegt die Klasse

Wenn die Ideen nicht fließen, liegt das häufig daran, dass der innere Kritiker jede Idee sofort als schlecht, ungeeignet, albern, unbrauchbar usw. abschießt. Die Liste der Adjektive lässt sich hier beliebig verlängern.

Anfang Juni habe ich Kreativitätstechniken beschrieben, die den Kritiker dadurch auszuschalten versuchen, dass sie dem Denken einen völlig neuen, unerwarteten Drall verpassen. Das bringt den inneren Krittler aus dem Konzept und die Ideen können sich ungebremst entfalten.

Eine zweite Variante, die kreative Blockade zu überwinden, besteht darin, so irrsinnig viele Ideen zu entwickeln, dass sich der innere Kritiker irgendwann geschlagen gibt. Diese Methode verwendet James V. Smith in seinem Buch Fiction Writer’s Brainstormer.

Bevor ich die Methode erläutere, eine kleine Illustration dessen, was üblicherweise bei Brainstorming passiert. Der Leser möge sich bitte zu folgenden Begriffen spontan ein Beispiel überlegen:

  • Farbe
  • Werkzeug
  • Blume
  • Musikinstrument

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass eines der folgenden Begriffe darunter war:

Brainstorming

 

 

 

 

 

Man kann diese Übung gut in Gruppen wiederholen und wird immer wieder feststellen, dass Rot, Hammer, Rose und Geige sehr häufig genannt werden. Das ist das Problem, wenn man sich beim Brainstorming zu früh zufrieden gibt. Man kommt nur auf die Ideen, die viele andere auch haben würden. Deswegen arbeitet Smith in seinem Buch auch, wenn man so will, mit dem Gesetz der Großen Zahl.

Mindestens zwanzig Alternativen, wie eine Handlung weitergeht, soll der Autor entwickeln, bevor er sich auf eine festlegt. Als Anregung, falls nichts einfällt, gibt Smith Kategorien vor, die von „offensichtlich“ über „konstruiert“ und „ungewöhnlich“ bis „albern“ und „mystisch“ reichen.

Ein Beispiel: eine Frau stürzt mit ihrem Flugzeug über dem offenen Meer ab. Niemand kann in dem kalten Wasser länger als vier Stunden überleben. Wie schafft sie es dennoch zu überleben?

Offensichtliche Lösung: Das Notsignal, das die Frau vor dem Absturz noch absenden konnte, wird von einem Forschungsschiff in der Nähe aufgefangen. Es erreicht sie rechtzeitig.

Ungewöhnliche Lösung: Das Körperfett der Frau weist eine ungewöhnliche Zusammensetzung auf, die es ihr erlaubt, wesentlich länger zu überleben (Über dieses Phänomen gibt es einen Film: The Deep).

Konstruierte Lösung: Das Plankton rottet sich zusammen um eine Art Luftmatratze zu bilden, auf der die Frau treiben kann.

Und so weiter bis man mindestens zwanzig Varianten hat. Diese kann man dann wiederum weiterspinnen.

Für die Titelsuche lässt Smith den Leser in acht Kategorien insgesamt 100 (!) Titelideen aufschreiben und zu diesen dann wiederum nach einem vorgegebenen Schema jeweils zehn Varianten überlegen. Am Ende dieser Übung – wenn man sie durchhält – hat man dann 1100 Titelideen, die man dann weiter verfeinern kann, bis der perfekte Titel steht.

Und Edgar Rice Burroughs ging soweit sinngemäß zu sagen:

Wenn du eine Geschichte schreibst, ist sie vielleicht schlecht; wenn du hundert schreibst, stehen die Chancen gut, dass eine davon was geworden ist (meine Übersetzung).

Anders formuliert: in der Masse liegt die Klasse.

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