Muss gute Literatur unverständlich sein?

In seinem Buch Fiction Writer’s Brainstormer vergleicht James Smith den Schreibstil von Bestseller-Autoren wie John Grisham und Danielle Steel mit dem von Amateuren. Er verwendet dabei folgende Kriterien:

  • Verwendung von Passiv
  • Satzlänge
  • Wortlänge
  • Lesbarkeits-Index

Smiths Analyse ergab, dass einige Beststeller-Autoren das Passiv erstaunlich häufig verwenden (John Grisham, 13,4% aller Sätze), andere hingegen kaum (Stephen King, 2,3%). Die durchschnittlichen Anzahl Wörter je Satz liegt bei vierzehn, wobei diese Zahl – genau wie die Satzlänge – innerhalb des Textes eines Autors bereits erheblich schwanken kann.

Lediglich die Anzahl Buchstaben je Wort mit durchschnittlich 4,25 (wir reden hier von englischen Texten) und der Lesbarkeitsindex scheinen Smith ein geeignetes Kriterium, um Bestseller-Texte von weniger erfolgreichen zu unterscheiden. Das angestrebte Lesevermögen (hier: Flesch-Kincaid Grade Level) liegt bei den Bestsellern laut Smiths Analyse zwischen dem von Zweit- und Sechstklässlern.

Ich habe mich gefragt, ob das auch mit deutschen Texten funktioniert. Allerdings wollte ich zunächst feststellen, was einen „literarischen“ Text ausmacht. (Eine Analyse von Bestsellern folgt demnächst). Dafür habe ich die Gewinnertexte des Bachmannpreises der letzten zehn Jahre verwendet.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass Uwe Tellkamp, Gewinner des Bachmannpreises 2004, mit seinem Romanauszug die Statistik gehörig durcheinander bringt. Sein Text verwendet länger Wörter (7,07 Zeichen pro Wort), längere Sätze (149,6 Wörter pro Satz), mehr Passivkonstruktionen (11,7%) und mehr lange Sätze insgesamt (63%) als alle anderen Gewinnertexte der darauffolgenden neun Jahre. Deswegen anbei die Durchschnitte ohne Tellkamps Text, d.h. für die Gewinnertexte der Jahre 2005 – 2014:

 

Zeichen pro Wort 6,36
Wörter pro Satz 18,29
Passiv (in %) 2,97
Anteil langer Sätze (in %) 16,0
Anteil langer Wörter (in %) 3,3
Anteil unterschiedlicher
Wörter (in %)
35,2
Anteil Füllwörter (%) 6,0

 

Die Analyse habe ich mithilfe der Textanalyse des Schreiblabors [1] durchgeführt. Die Werte schwanken deutlich über die Jahre, ein Muster ist nicht zu erkennen, außer vielleicht einem Hauch von einem Trend zu kürzeren Wörtern.

Zeichen_pro_Wort

 

Eine Überraschung enthielt die Analyse dann vielleicht doch: der auf deutschsprachige Texte angepasste Flesch-Wert beträgt im Schnitt 63,8, das entspricht laut Definition einfachen Texten wie „Anleitungen, Rezepten und Belletristik.“ Anspruchsvolle Literatur muss also nicht unverständlich sein.

 

 

[1] Wer an inhaltlichen Kriterien für die Qualität eines Textes interessiert ist, sei auf Kathrin Passigs Automatische Literaturkritik und das Buch von Angela Leinen „Wie man den Bachmannpreis gewinnt“ verwiesen, in dem diese Kriterien anhand vieler Textbeispiele erläutert werden.

 

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4 Gedanken zu “Muss gute Literatur unverständlich sein?

  1. Hallo 🙂
    Ich bin hier im Auftrag des Kommentiertages. Ein sehr interessanter Text und Beitrag. Über sowas habe ich mir eigentlich nie wirklich Gedanken gemacht. Interessant fand ich das aber mit dem Verständlichkeitslevel der Sprache, denn nach Nachdenken ist mir auch aufgefallen, dass in den meisten Büchern eher eine einfachere Sprache mit wenigen Fachbegriffen verwendet wird (außer vielleicht einige wenige, die zur Geschichte passen). Du hast dir ja richtig Arbeit gemacht mit dem Recherchieren und überprüfen dieser These. Wow.
    Toller Beitrag.
    Liebe Grüße,
    Nadja

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