Gefühlt 1000 Listen und immer noch kein Überblick

Eigentlich wollte ich diese Woche meine Stilanalyse fortführen. Nachdem ich in dem Beitrag Muss gute Literatur unverständlich sein? die Bachmann-Preisträger der letzten zehn Jahre untersucht habe, wollte ich mich diese Woche den Bestsellern widmen.

Das klingt einfach genug. Aber die Probleme fingen schon mit dem Begriffspaar deutschsprachig und Bestseller an. Viele Bestseller sind Übersetzung. Das erstaunt jetzt nicht, schließlich gibt es mehrere Milliarden Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist und von denen viele Bücher schreiben. Allein in den USA wurden 2011 laut Wikipedia 292.000 neue Titel herausgebracht, in Groß Britannien knapp 150.000. (Im Vergleich dazu erschienen in Deutschland 82.000 neue Titel). Kein Wunder also, dass viele Bestseller Übersetzungen vor allem aus dem angelsächsischen Sprachraum sind.

Ich nahm mir die gängigen Bestsellerlisten vor (Spiegel, Thalia, Amazon). Von den Top 10 waren maximal sechs keine Übersetzungen (Spiegel Hardcover Liste) und enthielten so unterschiedliche Titel wie Kerstin Giers Silber. Das zweite Buch der Träume, Marc Elsbergs ZERO. Sie wissen, was du tust und Jan Weilers Das Pubertier. Diese Bücher schienen mir doch zu unterschiedlich, um sie sinnvoll über einen Kamm zu scheren. Also dachte ich mir, beschränke ich die Suche auf Bestseller der Kategorie Spannung /Thriller.

Da die aktuellen Bestsellerlisten ein, maximal zwei deutschsprachige Titel dieser Kategorie enthalten, machte ich mich auf die Suche nach Jahresbestsellerlisten und stieß auf die Webseite Die besten Bücher der Welt. Das klang vielversprechend. Aber ich hatte nicht mit dem Wirrwarr von Verlinkungen, Weiterleitungen, Andeutungen und Werbeunterbrechungen gerechnet, die mich auf dieser Webseite erwarteten. Um mich zurechtzufinden, habe ich sogar eine Mindmap der Linkführung erstellt.

Das Erste, was mir auffiel, war die Übersicht über die 100 besten Bücher aller Zeiten. Neben ZDF, die ZEIT, werden auch die Bestseller-Listen von Le Monde und der BBC aufgeführt. Was ist mit der Heimat Hemingways, Faulkners, Toni Morrisons? Gut, vielleicht dachten sich die Hüter der Listen, Englisch ist Englisch und die Rechte für das BBC-Ranking waren einfacher zu kriegen als die für die New York Times.

Beginnen wir mit der Liste des ZDF, die auf Basis von 250.000 Lesermeinungen erstellt wurde. Wir wissen in der Zwischenzeit alle, wie viel wir auf die Listen des ZDFs geben können. Trotzdem, schauen wir es uns einmal an. Die ZDF-Redakteure stellten eine Liste von 200 Büchern zusammen, aus denen dann die Leser 100 auswählten. Die BBC, deren Big Read Aktion dem ZDF als Vorbild diente, ließen die Leser übrigens ihr Lieblingsbuch frei auswählen.

Die besten Bücher der ZEIT wurde von Experten zusammengestellt – also keine Macht dem Volk bei der Auswahl der Crème de la Crème. Folgt man dem Link sieht man eine kurze, wenig informative Einführung gefolgt von den Links zu den französischen und britischen Top-100. Ein Vergleich der Link-Adressen bestätigt, dass es sich dabei um die auf der Startseite mit Le Monde: Die besten Bücher der Welt aus französischer Sicht und BBC: Die besten Bücher der Welt aus britischer Sicht betitelten Listen handelt. Erst durch Scrollen gelangt man auf die eigentlichen Buchtitel.

Einen J. R. R. Tolkien, George Orwell oder die Brontë-Schwestern sucht man hier vergeblich. Dafür gibt es Platons Apologie, die Bekenntnisse des Augustinus und die Pensée von Blaise Pascal. Wie formuliert es Hans-Dieter Gelfert in seinem sehr lesenswerten Buch Was ist gute Literatur? so schön: „In Deutschland [wird] der Umgang mit guter Literatur immer noch als kulturelle Pflicht und nicht zuerst als Quelle kultivierter Unterhaltung angesehen.“ Vielleicht können wir ja reißerische Abenteuergeschichten wie das Nibelungenlied erst mit 800 Jahren Abstand schuldfrei genießen.

Wühlen wir uns weiter durch die 100 besten Bücher aller Zeiten und klicken auf den Link Aktuelle Bestseller: Die Bestsellerlisten von Spiegel, Focus & Co. im Vergleich. Es folgt eine weitere Liste, aber kein Vergleich. Hatte ich auf eine hübsche Übersicht der Top-10 aller Listen gehofft, wurde ich enttäuscht. Ich muss mich nach wie vor durch jede Listen einzeln quälen und abzählen, welcher Titel welche Position einnimmt. Für diesen „Service“ kann ich mich aber eintragen! Ach ja, habe ich erwähnt, dass die Seitenansichten durchlöchert sind von Anzeigen?

Mein letzter Versuch. Ich klicke auf Die besten Bücher 2013 und lande bei den Jahresbestellern 2013, endlich!, mit Coverfoto, übersichtlich, schnell zu erfassen. Doch halt!, wieso haben drei Spalten die Überschrift „2013“ und alle die Überschrift „Amazon“? Ich scrolle nach unten und finde, fein säuberlich getrennt, die Spiegel-Jahresbestsellerliste, unterschieden in Belletristik und Taschenbuch (gemeint sind Belletristik Hardcover und Belletristik Taschenbuch), die Libri-eBook-Liste, die Liste von Thalia und von Weltbild. Wäre es wirklich zu viel verlangt gewesen, eine konsolidierte Liste und im Anschluss die Einzellisten zu erstellen? Und warum geht es nur bis Platz 10?

Nach schier endlos scheinendem Weiterklicken, bin ich bei meiner Suche nach 5-10 Bestseller deutschsprachiger Thrillerautoren immer noch nicht vorangekommen. Frustriert suche ich bei Amazon weiter. Mit drei Klicks (Bestseller, Krimi /Thriller, Deutschland) habe ich das gesuchte Ergebnis. Da braucht man sich nicht wundern, dass Amazon so populär ist.

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2 Gedanken zu “Gefühlt 1000 Listen und immer noch kein Überblick

  1. Ich bin ja auch manchmal so eine Listenguckerin…aus Neugierde, nicht, um mich per se zu orientieren oder gar meine Lesegewohnheiten darauf abzustimmen. Die beste Liste bildet meines Erachtens immer noch der eigene Geschmack. Ja, da könnten solche „Bestenlisten“ natürlich auch mal Hilfe sein oder wenigstens auf ein Buch aufmerksam machen. Meist lese ich jedoch die Listen, um sie wieder zu vergessen…Und irgendwie habe ich mich in meinem eigenen Umgang mit Listen in Deinem listigen Beitrag, der sehr schön zu lesen war, ein bißchen wiedergefunden 🙂

    1. Das freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat. Manchmal finde ich es auch interessant zu sehen, was in anderen Ländern gerade angesagt ist. Das Problem ist dann nur, wenn etwas spannend aussieht, aber noch nicht übersetzt ist.
      LG,
      Maike

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