Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

In Folge 132 podcasten die SchreibDilettanten über Humor. Marcus Johanus sagt, „zu Humor braucht man Abstand“, und illustriert das am Beispiel der Bananenschale. Wenn jemand anderes darauf ausrutscht, kann das schon mal lustig sein, stürzt man selbst, tut es einfach nur weh.

Es ist bekanntermaßen ziemlich schwierig, gute Witze zu schreiben. Häufig kommt bestenfalls etwas dabei heraus, das es auf die Spiegel-Liste der miesesten Witze schafft. Mein Lieblings-mieser-Witz darauf:

Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.

Das Beispiel illustriert nämlich ziemlich gut, wie ein Witz (im Prinzip) funktioniert: gleich- oder ähnlich lautende Begriff aus unterschiedlichen Bedeutungsfeldern (treffen wie in kennenlernen vs. treffen wie in erschießen) werden miteinander verknüpft.

In ihrem Buch The Serious Guide to Joke Writing gibt Sally Halloway eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Schreiben von Witzen. Sie beginnt mit einfachen Aufwärmübungen, bei denen Begriffe umdefiniert werden.

Zum Beispiel:

Phonetics – mobile etiquette, in etwa: Handy-Umgangsformen

Aerobier[1] – Bier, das in Flugzeugen serviert wird.

Man ahnt es schon: es ist einfacher auf Englisch. Trotzdem sollte man auch als Deutschschreibende bzw. Deutschschreibender nicht aufgeben. Halloway empfiehlt, ein Scrabble-Wörterbuch zu Hilfe zu nehmen und Seite für Seite nach Begriffen zu durchforsten, die sich umdeuten lassen.

In dem Reclam-Band Arbeitstext für den Unterricht – Sprachspiele findet sich unter der Überschrift Kalauer eine verwandte Übung, in der zu einem Begriff, das weibliche bzw. männliche Gegenstück gesucht wird.

Der Kanal – die Kanaille

Der Kohl – die Cholera

Die Seife – Der Säufer

Über Umdeutungen hinaus verwendet Halloway sogenannte „Joke Webs“, das sind Mindmaps zu einem Thema, über das sie Witze machen will. Wenn man die Mindmap zwei bis drei Ebenen tief entwickelt hat, verfolgt man jeden Pfad zurück zum Ausgangsthema und durchforstet ihn nach Doppeldeutigem, Anspielungen, Verzerrungen oder Ähnlichem. Ein Beispiel aus dem Buch (meine Übersetzung /Anpassung):

Aus der Assoziationskette

JokeWeb

 

 

wird

Wir werden alle jünger. 40 ist das neue 20, 60 das neue 40 und ich habe sogar gehört, 80 ist das neue 50. Aber versuch das nicht innerhalb einer Ortschaft.

Man sieht: hier gibt es noch Luft nach oben.

Zum Schluss noch ein paar Worte über jemanden, der einen Humor ganz eigener Art pflegt: Wolfgang Haas.

Er spielt ein ganz meisterhaftes Verwirrspiel mit Klischees. So findet sich zum Beispiel gleich zu Beginn seines Brenner-Romans Komm, süßer Tod folgender Satz:

„Ich gehöre bestimmt nicht zu den Leuten, die sich fürchten, wenn ihnen eine schwarze Katze über den Weg läuft.“

Damit ist der Gedanke Aberglaube im Gehirn des Lesers platziert. Kurz darauf liest man, dass tatsächlich eine schwarze Katze über die Straße gelaufen ist und von einem Krankenwagen überfahren wurde. Das Klischee war also gar keines, sondern wörtlich gemeint.

In den darauffolgenden Seiten erfährt man, dass es der Krankenwagenfahrer deswegen so eilig hatte, weil es um eine Spendenleber ging. Nun sagt man sich als Leser, in Ordnung, es ging ja schließlich um Leben (bzw. Leber) und Tod. Bis sich herausstellt, dass mit Spendenleber der Leberkäse des lokalen Imbisses gemeint ist, den die Inhaberin als Spendenleber bezeichnet. Dieses Grundnahrungsmittel droht auszugehen – daher die Eile. Der Erzähler hat den Begriff nur metaphorisch verwendet.

Und so geht das hin und her in den Brenner-Romanen. Nie weiß man genau, woran man ist, was ernst gemeint und was nicht. Vermutlich ist Wolfgang Haas ein Naturtalent. Für alle anderen gilt: 99 Prozent Transpiration, ein Prozent Inspiration. Und wenn selbst das nicht funktioniert, kann man immer noch über sich selbst lachen.

 

[1] Lebewesen, die zum Leben Sauerstoff benötigen

 

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3 Gedanken zu “Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

  1. Hallo,
    schön veranschaulicht 😉
    Ich glaube, dass ich zum humoristischen Schreiben nicht geeignet bin, zumindest noch nicht. Das Beispiel der Assoziationskette ist ein wirklich guter Tipp, wie man solche Formulierungen aufbauen kann. Fürs Erste bleibe ich dem Genre noch fern, aber wer weiß …
    Liebe Grüße
    Jannes

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