If you can’t beat them: use them

Im Gegensatz zu dem Queen-Song, an den Titel des heutigen Posts angelehnt ist, muss man auf Klischees in der Regel nicht warten. Im Gegenteil, schneller als man Korrektur lesen kann, schleichen sich abgegriffene Formulierungen in den eigenen Text. Sie fungieren dabei als Abkürzung für das, was man eigentlich sagen will, aber – seien wir ehrlich – zu faul ist, sich genau zu überlegen.

Was kann man dagegen tun?

Zunächst einmal gilt auch hier: Erkenntnis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Besserung. Hier hilft . Nach Stichwörtern sortiert, findet man auf Juttas Phrasensammlung laut eigenen Angaben an die sechshundert Phrasen, Gemeinplätze und Klischees. Wer mehr journalistisch unterwegs ist, kann auf der Floskelwolke nach den beliebtesten Phrasen und Business Buzzwords suchen. Anschließend kann man sich ans Streichen machen und den eigenen Text bereinigen.

Oder man verwendet genau die andere Strategie, man geht auf die Klischees mit offenen Armen zu, wie es James V. Smith in seinem Buch Fiction Writer’s Brainstorming vorschlägt. Es gehe darum zu hinterfragen, wofür das Klischee eigentlich steht und dann Alternativen zu finden. Wofür steht schneeweiß? Für eine verbrannte Hornhaut, weil man keine Schneebrille trägt? Für unberührte, unzugängliche, geradezu vakuumversiegelte Flächen, für Meister-Propper-Sauberkeit?

Nachdem man so das Klischee ein wenig aus seiner zementierten Verwendung gelockert hat, geht es daran, Variationen zu finden. Dazu gibt Smith feste Kategorien vor. Von offensichtlich und wörtlich über ungewöhnlich und lächerlich bis völlig überzogen reicht die Bandbreite. Zu jeder dieser Kategorien denkt man sich ein Beispiel aus. Also: blütenweiß (offensichtlich), ein aus Anteilen aller Wellenlängen des sichtbaren Spektralbereichs energiegleich gemischtes Licht (wörtlich), weiß wie gekochte Glasnudeln (ungewöhnlich), weiß wie Fugenkitt (seltsam), weiß wie die Sixtinische Kappel während eines Atomblitzes (völlig überzogen). Das Ganze wiederholt man so lange, bis man eine frische Formulierung gefunden hat.

Margret Geraghty empfiehlt in ihrem Buch The five-minute writer, bei einem abgegriffenen Vergleich der Gegenstand, mit dem verglichen wird, durch einen neuen zu ersetzen. Statt: flach wie eine Flunder, flach wie ein Siliziumchip, statt: eiskalt, kalt wie flüssiger Stickstoff usw. Man kann dabei das ursprüngliche Klischee nutzen und durch eine Aufzählung erweitern

Sie gab’s auf. Sie suchte hier nach der Nadel im Heuhaufen, nach dem Higgs-Boson, nach dem Gottesbeweis, nach dem perfekten Mann

verzerren

Mr Bunting runzelte die Stirn. Normalerweise ähnelte er dabei einem freundlichen Geier. Aber jetzt sah er aus wie ein Geier, der mit seinem Frühstückskadaver unzufrieden war (P. G. Wodehouse, meine Übersetzung)

pervertieren

Ihre letzte Krankheit verlief zum Glück schnell, wenn auch qualvoll. Der Krebs wütete in ihrem Körper als sei er zu spät für einen wichtigen Termin mit einer ganzen Menge anderer erfolgreicher Krankheiten. (Will Self, meine Übersetzung)

mischen

Der Orkan hatte sich mit einem Rascheln der Blätter angekündigt, ein Wolf im Schafspelz, der wenige Stunden später in der Kleinstadt wütete.

Man kann Klischees und Redewendungen auch als Markenzeichen einer Figur verwenden. Ziva David zum Beispiel, die israelische, später eingebürgerte Agentin aus der Fernsehserie NCIS, bringt ständig Redewendungen durcheinander, was zu einem netten Geplänkel mit ihrem Gegenpart, Tony Dinozzo, führt.

Eine Meisterin der ungewöhnlichen Vergleiche ist Louise Welsh. Vor allem in ihren frühen Romanen überrascht sie immer wieder durch ungewöhnliche Vergleiche und Metaphern. Eine kleine Kostprobe aus The Cutting Room (deutsch: Dunkelkammer)

Über eine ältere Dame: „her hair, though sparse, was set in stiff egg-white curls“

Schön, wie sich hier das Bild des steifgeschlagenen Eischnees mit dem weiß aufgetürmter Locken mischt.

Beschreibung des Auktionshauses, in dem der Protagonist arbeitet: „Bowery Auctions stood outlined against the sky like the hull of a mammoth upturned ship.“

(Also in etwa: Die Umrisse des Auktionshauses Bowery zeichneten sich vor dem Himmel ab wie der Rumpf eines gekenterten Mammutschiffs – Erinnerungen an die Concordia werden wach).

Ein paar Sätze weiter:

„Six large wardrobes stood like upright coffins against the far wall.“ (Sechs große Kleiderschränke standen wie aufgestellte Särge an der Wand).

Und schließlich gibt es ja immer noch Brenner bzw. Wolf Haas und seine ganz besondere Art, sich Klischees und Redewendungen zu eigen zu machen (siehe auch mein Eintrag zum Thema Humor).

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11 Gedanken zu “If you can’t beat them: use them

  1. Hallo,
    interessanter Beitrag über die Möglichkeiten der Beschreibung.
    Ich versuche meistens, zu bildhafte Darstellungen zu vermeiden, um nicht Gefahr zu laufen, ins Kitschige oder Absurde zu driften. Das heißt aber nicht, dass ich sie grundsätzlich ablehne. Deine Beispiele zeigen sehr gut, dass es auch schön zu lesende Darstellungen gibt, die unter Umständen sogar ein Grinsen hervorrufen können.
    Apropos blütenweiß: Weiß wie ein ehemals blauer Pullover, der in den Waschgang mit Bleichmittel geraten ist 😉

  2. Hallo,
    ich bin so froh über den Kommentiertag deinen Blog gefunden zu haben. Deine Artikel sind sehr unterhaltsam und insbesondere für mich als Bloggerin auch sehr belehrend. 😉 Fürs Schreiben kann ich mir noch viel abschauen.

    Viele Grüße
    Janine

  3. Wieder etwas gelernt! Danke für die tollen Links! Dein Blog wandert definitiv auf meine Follow-Liste, als Schreiberling hab ich so manches Problem, zu dem du hier eine Lösung anbietest. Wobei ich die eine oder andere Redewendung auch schön finde. Denn diese Wendungen sind ja nicht grundlos zu solchen geworden: Sie beschreiben meist treffend, was ausgedrückt werden soll, und sie geben dem Leser eine Art „Heimeligkeit“, wer eine Muttersprache teilt, der teilt Konnotationen und Redewendungen. Das ist ja der Witz an Ziva David hat ihr Problem mit den Redewendungen, eben weil sie nicht aus ihrer Muttersprache sind. Ganz aus einem Text verbannen sollte man sie also nicht, finde ich. Aber wer es nicht schafft, eigene Beschreibungen zu finden, der … sollte dringend dran arbeiten 😀
    Liebe Grüße
    Kerstin

  4. Kann mich meiner Vorrednerin nur anschließen! Wieder was gelernt. Wer, der regelmäßig schreibt, kennt das denn nicht? Nicht nur allgemeine Phrasen, sondern vielleicht auch ganz persönliche, die sich aber immer wieder und wieder in die eigenen Texte einschleichen und sich dadurch irgendwie zementieren.
    Interessanter Beitrag und auch interessante Links, die mir ein paar gute Anregungen gegeben haben 🙂 Danke dafür.

    Liebe Grüße,
    Ivy

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