Die Universalformel der Literatur?

Wer hätte das nicht gern: ein Menü, auf dem ich Figuren, deren Motivation, Handlungsort und überraschende Wendungen auswählen kann, und mir so meinen Bestseller-Roman zusammenstelle. Immer wieder haben sich Autoren und Kritiker Gedanken darüber gemacht, was einen Bestseller ausmacht. Bereits 1927 erschien in der FAZ der Artikel Über Erfolgsbücher und ihr Publikumdes Kritikers und Soziologen Siegfried Kracauer.

Drehbuchautoren sind einen Schritt weiter und arbeiten schon lange an der Formel für ein erfolgreiches Script. Blake Snyders Beat Sheet für angehende Drehbuchautoren hat sich mittlerweile selbst zum Bestseller entwickelt. Autor Tom Gowen hat Snyders Vorlage weiterentwickelt und stellt seine Version zum Herunterladen zur Verfügung:

Tom-Gowen-STC-onesheet

 

© Tom Gowen, auf www.savethecat.com

Aber auch der Erfolg von Büchern soll in Zukunft vorhersagbar sein. Zumindest, wenn es nach drei US-Wissenschaftlern geht. Sie haben mithilfe der sogenannten statistischen Stilometrie einen Algorithmus entwickelt, der „mit einer 84-prozentigen Genauigkeit“ vorhersagt, so Jochen Fuchs von den digital pioneers, ob das vorliegende Buch zu einem Bestseller taugt oder nicht.

Aber wie immer bei dieser Art von statistischen Betrachtungen werden lediglich Korrelationen untersucht. Ein kausaler Zusammenhang kann bestehen, muss es aber nicht.

Wer jetzt erleichtert aufatmet, hat sich womöglich zu früh gefreut. Denn Big Data eröffnet auch hier ganz neue Möglichkeiten. In ihrem Artikel Mapping Contemporary Cinema – Short guide to Big Data beschreibt Carla Steinberg, wie die Film- und Fernsehindustrie das Nutzerverhalten im Netz analysiert, um erfolgreiche Filme bzw. Serien zu produzieren. So ergab zum Beispiel eine statistische Auswertung des Streaming-Anbieters Netflix, dass vielen Zuschauern, die David Finchers Film Social Network mochten, auch die britische Fernsehserie House of Cards und Kevin Spacey gefiel. Das Ergebnis ist bekannt: die überaus sehenswerte US-amerikanische Version von House of Cards mit Kevin Spacey in der Hauptrolle.

Werden wir also in Zukunft nur noch sehen bzw. lesen, was sich aus den Trends der Vergangenheit ablesen lässt? Werden wir in Zukunft nicht nur Sportnachrichten vom Toaster, sondern auch Geschichten aus der Retorte erhalten? Denn so viel ist klar: Fortschreibungen auf Basis vergangener Erfolge werden nicht zu bahnbrechend neuen Filmen oder Büchern führen. Letztere zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass sie mit der Tradition brechen.

Abhilfe bieten hier vielleicht die Fährtenleser der neuen Literatur (FAZ vom 22.11.2014), die nach E-Book-Perlen suchen, die nicht dem Mainstream und bekannten Erfolgsformeln folgen (die Links zu den erwähnten E-Book-Verlagen findet man im aktuellen Lesetipp des Literaturcafés).

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4 Gedanken zu “Die Universalformel der Literatur?

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