Das Wesentliche kommt zum Schluss

Nachdem ich letzte Woche geschwächelt habe, geht es diese Woche weiter mit dem Beenden von Dingen. Aber nicht mit dem Beenden von diesem Blog (ich hoffe, es gibt ein paar erleichterte Seufzer ;-)), sondern mit dem Schluss von Kurzgeschichten.

Schlusspunkt

Eine Kurzgeschichte lebt von ihrem Ende her, mehr noch, ihre Bedeutung erschließt sich dem Leser häufig erst, wenn er sie ganz gelesen hat. Die geschilderten Ereignisse erscheinen in einem neuen, unerwarteten Licht. Der gesamte Text wirkt auf einen „Kulminationspunkt am Ende“ hin, der die „Erwartungshaltung des Lesers mit einem unerwarteten Ergebnis“ konfrontiert (Durzak 1994: Die Kunst der Kurzgeschichte). Trotz dieser Bedeutung des Schluss‘ für eine Kurzgeschichte gibt es wenige Untersuchungen zu diesem Thema. Eine Ausnahme bildet die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Susan Lohafer. In ihrem Buch Reading for Storyness geht sie der Frage nach, wann ein Leser einen Text als abgeschlossene Geschichte wahrnimmt.

Zu diesem Zweck macht die Autorin Anleihen bei der experimentellen Psychologie. Sie gibt einer Gruppe von Testlesern, die sich aus Schülern, Studenten und Lehrkräften rekrutiert, eine Kurzgeschichte und bittet sie, sämtliche Stellen (preclosure points) zu markieren, an denen die Geschichte auch hätte enden können. So sahen zum Beispiel einige der Testleser von Katherine Mansfields Life of Ma Parker (nachzulesen auf http://www.gutenberg.org )bereits nach dem fünfzehnten (von insgesamt 202) Sätzen ein mögliches Ende.

Ma Parker, Witwe und Mutter von dreizehn Kindern, sieben davon tot, putzt einmal die Woche bei einem gebildeten Herrn, einem „literary gentleman“. Die Geschichte beginnt am Tag nach dem Begräbnis des einzigen Enkels und Lichtblicks in ihrem Leben. Der Hausherr, dem angesichts Ma Parkers Leid klar wird, das weitere Worte angebracht wären, fällt nichts anderes ein als zu fragen, ob die Beerdigung erfolgreich war. „Ma Parker gave no answer.“ (Ma Parker antwortete nicht).

Würde der Text hier tatsächlich enden, wäre es eine Skizze, eine Anekdote über Klassenunterschiede, über die Kluft zwischen dem weltfremden Hausherrn und der trauernden Mutter. Jeder mögliche Schlusspunkt, oder preclosure point, erzählt eine andere Geschichte. Die Abfolge dieser „Minigeschichten“ innerhalb des Gesamttexts spiegelt die möglichen Richtungen wieder, die der Text nehmen könnte, bis der Autor sich mit dem letzten Satz endgültig festlegt. Als Illustration soll die Kurzgeschichte Zug um Zug von Myriam Keil dienen (http://www.hs-veranstaltungen.de, Stichwort: Lesungen, Thema: Gefallene Engel, 5. Platz bei der Münchner Menülesung 2007).

Es ist Sommer. Vater, Mutter, zwei Töchter fahren ins Schwimmbad. Erzählerin ist die ältere Schwester. Die beiden Mädchen beobachten zwei Jungen, wie sie Marienkäfer traktieren. Als die beiden Jungen ins Wasser gehen, will Louisa, die jüngere der beiden Schwestern, die Käfer retten, doch sie sind tot. Die neunjährige Louisa besteht auf einem Begräbnis. Dann gehen die Mädchen zu den Eltern zurück. Nach einer Weile bemerkt die Ältere, dass ihre Schwester verschwunden ist. Sie geht sie suchen, findet sie aber nicht. Sie wird zunehmend nervöser. Plötzlich hört sie ein Martinshorn. Sie will zu dem Krankenwagen, als die Mutter sie abfängt: Louisa geht es gut, sie sitzt mit dem Vater auf der Wiese. Ein Junge hat sich verletzt. Er atmet nicht mehr. Es ist einer der Jungen, der die Käfer traktiert hat. Die ältere Schwester fragt die Jüngere, wo sie gewesen sei. Sie habe etwas gebaut, antwortet Louisa und zeigt es ihr. Sie hat eine Schnur über den Beckenrand gespannt, hat „einen Hindernislauf für die gebaut“, wie vorher die Jungen für die Käfer. Der Junge ist offensichtlich darüber gestolpert und hat sich am Beckenrand den Kopf angestoßen. Soweit der Inhalt von Myriam Keils Kurzgeschichte.

Die im Folgenden identifizierten Schlusspunkte und skizzierten Lesarten sind natürlich subjektiv. Jeder Leser wird andere Schwerpunkte setzen, möglicherweise andere Schlusspunkte identifizieren und die sich daraus ergebenden Geschichten anders deuten.

  • Zeile 46: „Sie besteht auf ein angemessenes Begräbnis für die Toten.“ Eine Geschichte darüber, wie ausgeprägt das Unrechtsempfinden von Kindern ist – das uns, den Lesern, die wir unsere Unschuld schon lange verloren haben, oft abhanden gekommen ist.
  • Zeile 101: „Als dieser sich, stolz und erleichtert, neben ihren Füßen aus dem Becken hievt, höre ich das Martinshorn.“ Eine Parabel über die Ungerechtigkeit und Grausamkeit des Lebens. Es geht den Menschen sozusagen wie den Käfern: das Unheil kommt unerwartet und unabwendbar.
  • Zeile 129: „‚Kann schlimm ausgehen‘, weiß eine Frau, ‚wenn das Gehirn so lange ohne Sauerstoff ist.‘“ Nemesis. Der Junge, der vorher die Käfer gequält hat, bekommt jetzt seine gerechte Strafe.
  • Zeile 168: „‚Ich wollte ja nur, dass er drüberspringen muss.‘“ Die kleine Schwester gesteht, dass sie eine Schnur gespannt hat, über die der Junge gestolpert ist. Ein dummer Unfall – der aber den Richtigen erwischt hat.
  • Zeile 171: „Meine kleine Schwester.“ Die kleine Louisa sah für einen Moment zerknirscht aus, danach nicht mehr. War es vielleicht gar kein Unfall? Plötzlich zweifelt die Erzählerin an ihrer kleinen Schwester. Ein Zweifel, der über das Ende der Kurzgeschichte hinaus nachhallt, wie der letzte Satz der Geschichte, Zeile 185, zeigt: „die Hitze will einfach nicht verschwinden.“

Der Bogen der „Minigeschichten“ spannt sich von der Unschuld der Kinder bis zum Zweifel der Erzählerin an genau dieser Unschuld. Eine gelungene Interpretation der Vorgabe Gefallene Engel für diese Ausschreibung.

Die Methode ist einfach, aber wirkungsvoll. Sie hilft nicht nur, die Bedeutungsvielfalt eines Textes zu erfassen, sondern auch die eigenen Geschichten zu analysieren. Nicht selten bereitet ja gerade der Schluss einer Kurzgeschichte dem Autor große Schwierigkeiten. Man muss sich festlegen: Was ist die überraschende Erkenntnis der Hauptfigur; wie hat sich ihr Bewusstsein verändert? Welche Zweifel, welche Fragen sollen im Leser geweckt werden? Die vorgestellten Beispiele zeigen, dass sich ein Autor gewissermaßen an den endgültigen Schluss heranpirschen kann, dass er mit verschiedenen Deutungen spielen, den Leser mal in diese, mal in jene Richtung schicken kann, um ihn hinterher um so mehr mit der letzten, unerwarteten Wendung zu überraschen.

Nicht zuletzt kann der Autor mithilfe dieser Methode überprüfen, ob sein Text auf den (Test-)Leser die beabsichtigte Wirkung ausübt. Denn das Wesentliche, das kommt in einer Kurzgeschichte immer zum Schluss.

(Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal im Autorenkalender 2012 der 42er Autoren.)

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