10 Regeln für die Bilder der Dichter

Heute möchte ich Alexander Nitzbergs Lyrik Baukasten vorstellen. Ich schreibe zwar keine Lyrik, aber man kann natürlich auch als Prosaautorin von Dichtern viel über Sprache lernen.

Nitzberg

Das Buch ist nicht neu. Es ist 2006 im DuMont Buchverlag erschienen und in der Zwischenzeit nur noch antiquarisch erhältlich. Mir gefällt, wen wundert’s, die systematische Herangehensweise Nitzbergs an die Lyrik. Laut Klappentext bietet das Buch nämlich „eine systematische Einführung ins professionelle dichterische Arbeiten […] Methodisch aufgebaute Übungen stellen unterschiedliche sprachliche Techniken vor und erproben sie.“

Die Kritik ist diesem Baukasten-Ansatz nicht so wohlgesonnen. Jörg Drews zum Beispiel fand das Buch „zum Haareraufen“ und ärgert sich über Vereinfachungen (Perlentaucher, Rezension in der SZ) und auch Sandra Kerschbaumer von der FAZ konnte sich mit dem Baukastenprinzip nicht recht anfreunden. Spontan – und nicht unbedingt in direktem Zusammenhang – muss ich da an Leonardo da Vinci denken, der trotz hoher Ansteckungsgefahr, trotz päpstlichem Verbot über 30 Leichen sezierte, um den Baukasten des Menschen zu verstehen. Wie immer empfiehlt es sich, sein eigenes Bild (von dem Buch) zu machen.

Das Buch beginnt nach einer Einführung, mit der Phonetik, also dem Klang der Sprache. In mehreren Übungen wird die Leserin bzw. der Leser angehalten, sich über die Wirkung der Vokale und Konsonanten in einem Gedicht Gedanken zu machen. Ein Rabe erzeugt mit dem langen „a“ eben ein anderes Gefühl bzw. Bild als ein Rappe. Glänzende Götterlüfte (Hölderlin: Hyperions Schicksalslied) haben etwas Dauerhaftes, das dem glitzernden Götterlüften mit dem spitzen „i“ abgeht.

Die Übungen sind für eine Prosaautorin eine Herausforderung. Zum Beispiel soll man

einen kugelförmigen Gegenstand mit Hilfe der Vokale und Konsonanten entstehen lassen (nicht beschreiben!)

Ich habe mich an einer Kegelkugel versucht und Folgendes kam dabei heraus (man sieht, warum ich keine Gedichte schreibe):

Schwer auf dem Parkett, rumpelt Metall über Holz, stockt, rollt weiter, beschreibt einen Bogen, verharrt am Fleck.

Interessant vor allem für den bzw. die Prosa Schreibende(n) ist das mit Tropik überschriebene Kapitel. (Für die Definition des Begriffs bitte nicht Wikpedia konsultieren, die Online-Enzyklopädie spuckt hierzu aus: Tropik – eine Bauserie von Fang- und Gefrierschiffen). Damit ist das Erschaffen von Bildern gemeint.

Nitzberg stellte eine Reihe von Regeln für ein gelungenes Bild auf

  • Ein Bild ist konkret
  • Ein Bild ist positiv, das soll heißen: Leere, Mangel, Abwesenheit werden dargestellt, durch das, was ist. Als Beispiel führt Nitzberg auf, wie Majakowski das Fehlen der Beine bei Kriegsverletzten darstellt:

Im faulenden Waggon auf 40 Mann 4 Beine

  • Ein Bild ist in sich geschlossen. Im Gegensatz zum Vergleich werden keine Bezüge zur „Wirklichkeit“ hergestellt
  • Ein Bild ist schlicht
  • Ein Bild ist logisch – und zwar logisch für das Auge (s.u.: ein Kinderwagen schreit)
  • Ein Bild ist unmittelbar, d.h. es ist keine Erläuterung, Vor- oder Nachgeschichte notwendig
  • Ein Bild ist statisch
  • Ein Bild ist glaubwürdig (konkret, „wird nicht sofort wieder fallen“gelassen oder verwischt)
  • Ein Bild ist faszinierend
  • Ein Bild ist außerordentlich (Vorsicht Klischeefalle, dagegen gibt es hier ein paar Anregungen)

Das wesentliche Element im Erschaffen von Bildern ist etwas, das Nitzberg mit „dichterischer Naivität“ bezeichnet, also das Sehen der Dinge, wie sie sind, ohne sofort zu interpretieren.

Und indem der Dichter sagt „Ein Kinderwagen schreit“, hält er der Wahrheit des Wissens die Wahrheit der Schau entgegen.

Denn man sieht den Kinderwagen, aber nicht das Kind darin, zugleich hört man das Schreien, in anderen Worten: der Kinderwagen schreit.

Diese dichterische Naivität steht mit Sicherheit auch dem Prosaautor bzw. der Prosaautorin gut.

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3 Gedanken zu “10 Regeln für die Bilder der Dichter

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