Die Schrecken der deutschen Sprache und andere Grausamkeiten

Steven Pinker, ein US-amerikanischer Linguist, Experimentalpsychologe und Kognitionswissenschaftler, erforscht seit vielen Jahren die „Natur der Sprache“. So lautet auch der Untertitel zu seinem Buch Wörter und Regeln. Darin untersucht er, nach welchen Regeln Wörter zur verständlichen Sätzen zusammengefügt werden. Als Untersuchungsobjekt dienen ihm dabei die regelmäßigen und unregelmäßigen Verben sowie die Pluralbildung.

Pinker

Schon kleine Kinder haben die Regel verstanden, nach der aus like – liked wird und aus look – looked bzw. aus suchen – gesucht und aus hacken – gehackt. Sprache könnte so einfach sein, wenn es nicht die Ausreißer gäbe, die be zu gone werden lassen oder have zu had bzw. sein zu gewesen oder tun zu getan. Interessanterweise sind im Englischen die unregelmäßigen Verben zwar in der Minderheit, aber sie werden sehr häufig verwendet. Sein und haben spielen eben eine großen Rolle, in dem, was wir sagen wollen.

Pinker führt das zur Frage, was „regular“ oder regelmäßig eigentlich bedeutet. Greift der Sprecher oder die Sprecherin auf die regelmäßige Beugung eines Verbs zurück, weil die Mehrheit der Verben so „geht“ und die Trefferquote damit relativ hoch liegt. Oder wendet er bzw. sie die Regel immer dann an, wenn alle anderen Stricke reißen.

Um dies herauszufinden, zieht Pinker die deutsche Sprache heran, über deren Schrecken sich schon Mark Twain ausgelassen hat. Im Deutschen sind nämlich die regelmäßigen Verben in der Minderheit, die Ausnahmen somit die Regel. (So viel zum Thema wir Deutschen seien so regelbesessen).

Anhand der unregelmäßigen Verben im Deutschen weist Pinker nach, dass die Sprachregeln genau dann greifen, wenn dem Sprechendem nichts anderes einfällt. Das heißt, wenn es sich um ein seltenes oder ungewöhnlich klingendes Verb handelt, um eine Wortneubildung (Fax – faxen – gefaxt) oder aus einem Substantiv abgeleitet wurde (Haus – hausen – gehaust). In anderen Worten: die Regel findet nicht deswegen Anwendung, weil sie so verbreitet ist, sondern weil es die erlernte Voreinstellung (default) ist, auf  die der Sprecher im Zweifel zurückgreift.

Das Gleiche lässt sich für die Pluralbildung mit s nachweisen. Im Englischen ja bis auf wenige Ausnahmen (z.B. mouse – mice) der Standard, im Deutschen aber eher selten (z.B. Autos). Auch in anderen Sprachen lassen sich solche Regelbildungen und damit ein gemeinsames Muster feststellen, wie die Menschen Sprache erlernen und anwenden.

Pinker zitiert aus dem Ungarischen, Hebräischen und Mandarin. Im Hochchinesischen zum Beispiel muss jedes Ding mit einer Mengenangabe versehen werden. Statt Hund heißt es dann ein Rudel Hunde oder einige Hunde. Aber es gibt eben einige Situationen, in denen das nicht möglich ist. Dafür, so Pinker, gibt es dann das Zählwort Ge. Damit würden zum Beispiel Menschen bezeichnet, die keine respektvolle Ansprache verdienten, wie Diebe oder Flittchen. Sprache kann so grausam sein.

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