Deutscher Krimi: Quo vadis?

In der heutigen F.A.Z. klagt Lisa Kuppler über die leidige Unterscheidung in U und E im deutschen Krimi. Viele Krimiliebhaber würden lieber angloamerikanische oder skandinavische Krimis lesen als die heimische Kost – obwohl sich diese gut verkauft. Deutsche Krimis prägten oft stereotype Figuren mit küchentischpsychologischem Verhalten, oder wie Kuppler über die aktuellen deutschen Thriller sagt, viele seien

moderne Heftchenromane im Hardcover-Format

Alles Schund_

Mit Sicherheit gibt es darüber abweichende Meinungen. Zugegeben, Thriller lese ich in der Regel aus genau den genannten Gründen nicht so gern (Ausnahmen bestätigen die Regel), aber die Geschichten des Schweizers Linus Reichlins und seinem Kommissar Jensen finde ich definitiv lesenswert.

Womit Kuppler sicher einen Nerv getroffen hat, ist mit der ungesunden Trennung in U für Unterhaltungsliteratur und E für ernste Literatur, gerade auch im Krimigenre. Das ist weder für die Entwicklung des Genres noch für neue Formen hilfreich.

U steht dabei für schnell geschrieben, der Plot und die Botschaft haben Vorrang vor Sprache und Figurenentwicklung, und E steht für häufig „ironisch-persiflierend“ oder wie Kuppler sagt, für Autoren, die

ohne jede Kenntnis des Genres

einen Krimi schreiben. Entsprechend ist dann das Ergebnis, die E-Variante so verkopft, dass es keinen Spaß macht, weiter zu lesen. Der Literaturwissenschaftler Hans-Dieter Gelfert nennt als eine Ursache für den häufig so angestrengten Stil deutscher E-Literatur unsere Leistungsethik oder Tüchtigkeitsideologie, der er die britische Vorliebe zum Unterstatement gegenüber stellt.

Dabei gibt es immer wieder lesenswerte Alternativen zum klassischen Whodunit-Plot (oder dem engen Verwandten: Whydunit) wie z.B. Keigo Higashinos „Verdächtige Gliebte“, in der ein verliebter Mathematikprofessor versucht, seiner Nachbarin ein Alibi zu verschaffen. Generell ist im angolamerkanischen Sprachraum das Genre „Crime“ weiter definiert. Es beinhaltet Geschichten aus Sicht des sympathischen Gauners, wie zum Beispiel Donald Westlakes unter dem Pseudonym Richard Stark veröffentlichten Parker-Reihe.

Schaut man sich die jährliche Sammlung bester amerikanischer Krimi-Kurzgeschichten an, muss nicht einmal eine Leiche vorkommen, um es in die Sammlung zu schaffen. Es reicht aus, wenn zum Beispiel eine Gefängnisköchin dem Todeskandidaten die letzte Mahlzeit vermiest, weil sie in ihm ihren zunehmend gewalttätigen Sohn sieht (Michael Downs: Prison Food. In: The Best American Mystery Stories 2001).

Denn das wünschen wir uns letztendlich doch alle: Geschichten, die nicht nur unterhalten, sondern auch gut geschrieben sind.

Advertisements

3 Gedanken zu “Deutscher Krimi: Quo vadis?

  1. Sehr schöner Beitrag. Meiner bescheidenen Meinung nach ist Literatur immer in allererster Linie Unterhaltung (Sach- und vor allem Fachliteratur natürlich nicht zwingend), weshalb ich die Unterscheidung von Frau Kuppler zumindest begrifflich eher schlecht gewählt finde. Man weiß natürlich trotzdem was sie meint. Leider muss ich ihr zustimmen, was den deutschen Krimi angeht, aber auch hinzufügen: Das war schon immer so. Das ist auch in anderen Ländern so. Wir haben hierzulande nicht unbedingt mehr oder weniger gute Krimiautoren als anderswo, da gibt es denke ich nur marginale Unterschiede. Dass aus einem Land, das so groß ist wie die USA, mehr gute Krimis und Thriller entstehen – geschenkt. Im Verhältnis nimmt sich das, denke ich, nichts. Und dann gibt es da ja auch noch die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. „Schwarzblende“ von Zoë Beck beispielsweise ist, vor allem was die Verbindung von „U“ und „E“ angeht, auf internationalem Top-Niveau.

    Schön herausgearbeitet finde ich übrigens die „Belastung“ des Genie-Begriffs, die zu verkopfter, unlesbarer Literatur führen kann. Auf der anderen Seite sollte man aber auch nicht die finanziellen Erfolge der Lokalkrimis außer Acht lassen, die dazu führt, dass der Markt mit schlecht geschriebenen Feel-Good-Krimis überflutet wird.

    1. Das mit dem Zahlenverhältnis ist mit Sicherheit richtig. Zumal ja auch noch andere auf Englisch schreiben außer Amerikanern (allen voran die Briten natürlich, aber auch Iren, Australier, Südafrikaner, viele Inder…).
      Vielen Dank auch für den Hinweis auf Zoe Beck. Das werde ich mir doch gleich besorgen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s