Literatur als Gedankenlesemaschine

In seinem Buch „Gedankenlesemaschinen“ beleuchtet Mario Gomes verschiedene Techniken, um die Gedanken einer Figur erfassbar zu machen. Das Buch begint mit einem historischen Abriss über die Versuche, die Innenwelt eines Menschen mithilfe diverser Apparate aufzuzeichnen.

Gedankenlesemaschine

In dem Roman Dr. Berkeley’s Discovery von 1899 zum Beispiel glaubt der Neurologe Dr. Berkeley, die Erlebnisse eines Menschen nach dessen Tod reproduzieren zu können. Das Gehirn funktioniert als eine Art fotografische Platte, auf der die Eindrücke zu Lebzeiten eingebrannt werden. Wie Gomes es formuliert:

Leichen werden hier gleich Photoapparaten zu Datenspeichern, auf die durch Dritte zugegriffen werden kann.

Das ist natürlich besonders für polizeliche Ermittlungen interessant. Heutzutage weiß man zwar, dass das so nicht funktioniert, aber der Traum die Gedanken eines Menschen aufzunehmen und zu entschlüssen, existiert weiter. Und wenn das so weitergeht, werden wir noch unsere Köpfe mit Aluminiumfolie umwickeln, wenn wir unsere Gedanken für uns behalten wollen.

Im nächsten Schritt beschreibt Gomes die prinzipiellen Varianten, die Innenwelt einer Figur darzustellen. Dabei unterscheidet er zwischen den Gedanken, die von einem Erzähler (hörbar) wiedergegeben werden und solchen, die ohne erzählerische Instanz direkt dem Kopf der Figur zu entspringen scheinen (großer Innerer Monolog).

Innerer_Monolog

Ist ein Erzähler vorhanden, kann der die Innensicht der Figur „nacherzählen“. Je nachdem, wie tief er dabei in die Figur eintaucht, spricht man von zitiertem Monolog (kleiner innerer Monolog) oder erlebter Rede (indirekter innerer Monolog, im Englischen auch mit narrated monologue bezeichnet). Die Übergänge sind dabei fließend. Häufig wird aus dem Text nicht klar, ob die Figur selbst spricht oder der Erzähler die Gedanken einer Figur wiedergibt. Wenn die Sprache der Figur auf den Erzähler abfärbt, spricht man auch vom Uncle Charles Principle (Hugh Kenner: Joyce’s Voices).

In den letzten beiden Kapitel wendet sich Gomes dem Inneren Monolog in James Joyces Ulysses und Arthur Schnitzlers Erzählungen Lieutnant Gustl sowie Fräulein Else zu. Er diskutiert anhand der „Strandspaziergänge und Bettgeschichten“ in Ulysses und der Problematik des „Sterben[s] in der ersten Person“ bei Arthur Schnitzler verschiedene Methoden, die Gedankenwelt einer Figur greifbar zu machen.

Besonders gut hat mir Gomes‘ Diskussion der Strandspaziergängen des Stephan Dedalus gefallen. Joyce bringt gerade nicht zu Papier, was Dedalus bewusst denkt. Man liest, wie die Muscheln unter Dedalus‘ Schuhen knirschen, welche Wortfetzen ihm durch den Kopf schwirren, aber was er letztendlich denkt und auf einem Zettel notiert, spart der Autor aus. Die Gedanken bleiben flüchtig.

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