Nichts als Lügen, Tricksen, Täuschen

Es tut mir leid, dass ich diese Woche erst Mittwoch dazu komme, meinen Beitrag zu posten. Aber es kam einfach eine Menge dazwischen. Erst das schlechte, dann das schöne Wetter, die Kaffeemaschine wollte aufwändig gereinigt werden, die Sorge, welches Verkehrsmittel als nächstes bestreikt wird – ich kam einfach zu nichts.

Wem jetzt Zweifel kommen, dass diese mehr als eine faule Ausrede ist, der hat recht. Nur weil ich als Ich-Erzählerin hier auftrete, heißt das noch lange nicht, dass ich die Wahrheit erzähle. In der Literatur nennt sich das unzuverlässiger Erzähler.

Narrativ_Unreliability

James Phelan [1] unterscheidet drei Arten des unzuverlässigen Erzählers:

  1. „Misreporting“: Der Erzähler verschweigt bewusst Fakten und Ereignisse. Geheimeinhin auch als lügen bekannt
  2. „Misreading /misinterpeting“: Der Erzähler interpretiert/versteht die Ereignisse falsch. Er lässt sich an der Nase herumführen
  3. „Misregarding /misevaluating“: Der Erzähler bewertet die Dinge falsch bzw. in einer Art und Weise, die er Leser (bei genauerem Hinschauen) nicht mitträgt.

In meinem Fall habe ich schlicht und ergreifend gelogen (der wahre Grund ist wie so häufig: Morbus Prokrastinus. Hier kann man sich eine Diagnose erstellen lassen). Ich habe also bewusst Fakten weggelassen bzw. welche hinzugefügt. In der Regel treten Mischformen auf.

Phelan zitiert als Beispiel für „Misreading“ Huckleberry Fin, der das Tischgebet der Witwe Douglas für Murren über das Essen hält. Ein Beispiel für „Misreporting“ und „Misinterpretation“ bietet Chief Bromden aus Einer flog über das Kuckucksnest. Wenn er darüber berichtet, wie Schwester Ratched die Zeit anhalten kann, ist das eine klare Falschinterpretation. Und wenn der Chief darüber klagt, wie gehetzt die Patienten seien, da sie nachts nur zehn Minuten zu schlafen bekämen, bevor es wieder Rasieren, Frühstücken, Untersuchungen usw. heiße und das zwanzig Mal innerhalb einer Stunde, ist das ein Fall von „Misreporting“ oder genialer Übertreibung.

Für den dritten Fall führt Phelan das Beispiel von Ring Lardners Kurzgeschichte Haricut an. Wenn der Ich-Erzähler über Jim Kendall sagt

[he was] kind of rough, but a good fella at heart

ahnt der Leser schon, dass er das am Ende, wenn er die ganze Gesichte über Kendall kennt, diese Einschätzung nicht mitträgt.

Aus meiner Sicht zusätzlich interessant ist die Frage, ob der Erzähler die Ereignisse falsch wiedergibt bzw. sie falsch einordnet, weil er den Leser täuschen will. Oder geschieht es unbewusst und der Erzähler macht sich selbst etwas vor, und es handelt sich sozusagen um einen doppelt unzuverlässien Erzähler.

Der unzuverlässiger Erzähler spielt übrigens auch eine große Rolle in Comics. Burkhard Ihme hat dazu einen aufschlussreichen Beitrag geschrieben. Und selbstverständlich gibt es den unzuverlässigen Erzähler auch im Film, man denke nur an den großartigen Film Momento.

[1] D’hoker, Elke; Martens, Gunther (Hg.) (2008): Narrative unreliability in the twentieth-century first-person novel. Workshop. Berlin: de Gruyter (Narratologia, 14). Online verfügbar unter http://www.gbv.de/dms/goettingen/573055807.pdf.

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