Im Würgegriff der Gefühle

„Nonfiction conveys information. Fiction evokes emotion“, zitiert Margaret Geraghty Sol Stein, vielen bekannt für seinen Klassiker Über das Schreiben Also in etwa: Sachtexte vermitteln Information, Geschichten Gefühle.  Die Schwierigkeit besteht darin, die Emotionen einer Figur zu Papier zu bringen. Es ist ein bisschen wie mit der Teufelsschlinge in Harry Potters erstem Abenteuer: Je mehr sich Ron und Harry gegen den Würgegriff der Pflanze wehren, desto enger zieht sie sich zu.

Auf das Beschreiben von Gefühlen übertragen: Je mehr man sich als Autorin oder Autor bemüht, ein Gefühl zu beschreiben, desto weniger bleibt davon (beim Leser) hängen. Eine Auflistung von Körperfunktionen hilft da nur weiter, wenn es über die üblichen Klischees (ein Herz, das rast; Blut, das pocht – manchmal auch kocht) hinausgeht.

Maia_Krieg_der_BastardeEine Autorin, der das meiner Meinung nach hervorragend gelingt, ist Ana Paula Maia. In ihrem Roman Krieg der Bastarde [1], auf den ich dank einer Besprechung Alexander Roths gestoßen bin, beschreibt sie den Todeskampf der Figur des Amadeu folgendermaßen:

Amadeu röchelt. Sein ganzer Körper schmerzt, wenn der Sauerstoff unter großen Schwierigkeiten die blutverkrusteten Nasenlöcher passiert, die brennende Kehle hinabgleitet, und auf seine Lunge trifft. Er atmet mit offenem Mund, spürt den Sauerstoff die verlassenen Räume seines Herzens durchdringen.

Wem so etwas nicht einfällt, dem hilft vielleicht Geraghtys Schreibtipp #34 weiter. In ihrem Buch The five-minute writer empfiehlt Geraghty, sich statt auf das Gefühl selbt auf die Umstände zu konzentrieren. Anstatt Angst zu beschreiben, sei es besser darzustellen, in welcher Lage sich die Figur befindet und welche (äußeren) Umstände die Angst hervorrufen.

T. S. Eliot nannte dies, so Geraghty, „objective correlatives“, also ein Gegenstand oder Ereignis, häufig auch eine Verkettung und Verknüpfung von Gegenständen und Symbolen, die als Metaphern für das eigentliche Gefühl stehen. Auch das kann man sich bei Ana Paula Maia abschauen.

Auf Seite 33 beschreibt die Autorin, wie eben dieser Amadeu, der gut dreißig Seiten später stirbt, zusammen mit seinem Kumpel eine Sendung über malaiische Fischer anschaut. In dem Dokumentarfilm stopfen die Männer einem Hai giftige Seeigel in den Rachen, um dessen Angriffe auf die Fischer zu rächen. Diese Bild verwendet die Autorin nun erneut bei der Beschreibung von Amadeus letzten Minuten

Er riecht die salzige und abgestandene Meeresluft und denkt an die Haie, die dort gerade mit Seeigeln vergiftet werden, durch den Unterwasser-Todestrakt schwimmen. Die salzige Brise dringt in seine Poren. So eine Vorstellung hatte er noch nie.

In anderen Worten: Die Bilder müssen erst emotional aufgeladen werden, damit sie dann zu einem späteren Zeitpunkt die entsprechende Wirkung erzielen können. Gewissermaßen eine Vertiefung der Emotion durch Wiederholung – statt wie so häufig zu beobachten – durch  Übertreibung und Eskalation.

[1] Anna Paula Maia: Krieg der Bastarde. Deutsch von Wanda Jakob. Droemer Taschenbuch

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