Von Archemaschinen und Archetypen

Zum Sommer etwas Buntes: die Archimaschinen des italienischen Illustrators Federico Babinas. Seine Archemaschinen sind metaphorische Maschinenbaupläne der verschiedenen Länder. In der Literatur hat man es allerdings eher mit Archetypen als mit Archemaschinen zu tun. Letzeres wäre vielleicht ein Thema für Science Fiction-Autoren.

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Die Archetypen der Literatur geistern schon ziemlich lange durch das kollektive Unterbewusstsein der Menschheit. Genau genommen seit der ersten (uns bekannten) Geschichte, dem Gilgamesch-Epos. Joseph Campbell hat in seinem Buch The Hero With a Thousand Faces die Mythen der verschiedenen Völker und Kulturen miteinander verglichen und nach „universellen Erfahrungsmustern“ gesucht, die allen Menschen gemeinsam sind. Er griff dabei auch auf die Archetypen C. G. Jungs zurück.

Daraus entwickelte sich dann die „Heldenreise“, die vor allem von Drehbuchautoren gerne für die Strukturierung ihrer Geschichten verwendet wird. Die dort verwendeten Archetypen nehmen bestimmte Funktionen innerhalb der Story wahr. Der Mentor zum Beispiel steht dem Helden auf seiner Reise mit Rat und manchmal auch Tat zur Seite. Damit der Held sein innere Reife erreichen kann, muss der Mentor irgendwann sterben (oder aus anderen Gründen ausfallen). Ganz auf sich gestellt zeigt sich jetzt, ob der Held, der natürlich auch eine Heldin sein kann, das hat, was es braucht, um sein / ihr Ziel zu erreichen. Man denke zum Beispiel an Gandalf, der dem Balrog zum Opfer fällt und Frodo nicht länger auf seiner Reise begleiten kann.

Man kann es meiner Meinung nach auch mit der Heldenreise übertreiben bzw. zu formalistisch an der Struktur kleben. So ist in manchen animierten Kinderfilmen nicht nur den Erwachsenen sofort klar, welche Rolle der kleine Helfer (Sidekick) spielt, der  auf der Schulter oder im Ohr des Helden sitzt.

Andere Autoren kategorisieren Figurentypen nicht unter funktionalen Gesichtspunkten, sondern auf Basis bestimmter Verhaltensweisen und Charakterzüge. In dem Buch 45 Master Characters von Victoria Lynn Schmidt zum Beispiel bilden die Griechischen Götter die Vorlage für die Archetypen. Die Kunst aus meiner Sicht besteht dann darin, aus den Archetypen keine Stereotypen werden zu lassen.

Wem jetzt vielleicht zu viel vom Helden und zu wenig von der Heldin die Rede war, möchte ich noch auf den Innana-Mythos verweisen. In der rund 5.000 Jahre alten Geschichte will Inanna, Göttin des Himmels, auch über die Unterwelt herrschen. Das geht gründlich schief. Sie entkommt dem Tod nur durch eine List. Als Gegenleistung für ihren freien Abzug fordern die sieben Richter der Unterwelt einen anderen. Inanna schickt ihren Geliebten, den Gott des Bieres und des Weizens, und plötzlich gibt es Weder Brot noch Bier. Zudem hat Inanna große Sehnsucht nach ihrem Geliebte. Sie beschließt, sich ab sofort die Zeit in der Unterwelt mit ihm zu teilen. Ein halbes Jahr leidet sie, ein halbes er. Die Jahreszeiten sind entstanden.

Eine Neuerzählung dieses Mythos hat die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk in ihrem Roman AnnaIn in den Katakomben vorgenommen. Der Roman ist Teil der Mythenreihe, die der Berlin Verlag gemeinsam mit 35 internationalen Verlagen ausgerufen hat.  Unter anderem ist in dieser Reihe auch der Schreckenshelm von Viktor Pelewin entstanden, der den Mythos von Theseus und dem Minotaurus aufgreift.

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