Gefühle zwischen Schmalz und Schwulst

Malte Bremer hat im Literaturcafé die Preisträger des Kindle Storyteller Self Publishing Award unter die Lupe genommen. Sein Fazit: von den fünf Romanen auf der Shortlist ist nur einer – der von Philip P. Peterson – lesenswert.

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Bei den anderen Texten auf der Shortlist beklagt er Rechtschreibfehler, „alberne“ Adjektive und immer wieder Kitsch:

Gefaselt wird da von der vollen Wucht des Schmerzes, die auf ihren Körper einwirkt, von so unfassbar grauenhaften Ereignissen wie Schlaf- und Appetitlosigkeit

Aber was ist überhaupt Kitsch und wie vermeide ich es? Laut Bücher-Wiki

bezeichnet man [als Kitsch] literarische Erzeugnisse, die bekannte Werke reproduzieren, ohne eigene Originalität zu entwickeln.

Hans-Dieter Gelfert – bis 2000 Professor für englische Literatur an der FU Berlin – unterscheidet in Was ist Kitsch? zwischen Formkitsch oder Schwulst (überladene Sprache) und Stoffkitsch oder Schmalz (rührseliges Melodrama).

Bei der Beschreibung von Gefühlen wie Trauer, Angst oder Wut gilt es also eher Schwulst zu vermeiden. Stephen King zum Beispiel schreibt sich langsam zum emotionalen Höhepunkt hin und verwendet gerne Wiederholungen, um ein Gefühl zu verstärken, statt immer wortgewaltigere Sprache. Obwohl er nicht zimperlich ist mit seiner Wortwahl.

Am Anfang von Shining zum Beispiel zeigt der Hausverwalter Jack Torrance den Keller, in dem sich die Heizung befindet. Jack hört nur mit halben Ohr zu, weil ihm eine Bemerkung des Managers aus dem Einstellungsgespräch nicht aus dem Kopf will. Jack habe die Beherrschung verloren, hatte der gesagt und sich auf eine Zwischenfall bezogen, der Jack seinen Job als Englischlehrer gekostet hat.

„Er hat die Beherrschung verloren“ hallt es in Jacks Kopf nach und spült die Erinnerung an einen anderen Zwischenfall hoch, als Jack seinem damals drei Jahre alten Sohn Danny den Arm brach.

Er hatte Danny herumgewirbelt, um ihn zu schlagen, und seine großen Erwachsenenfinger gruben sich in das dünne Fleisch am Arm des Jungen, ballten sich um den Arm herum zur Faust, und das Knacken des brechenden Knochens war nicht laut gewesen, nicht laut, sondern es war sehr laut gewesen, UNGEHEUER laut, aber nicht laut. (Shining, S. 21, e-Book Bastei Lübbe).

Das ist sehr konkret beschrieben, ohne jegliche emotionale Wertung und schließt mit einem Widerspruch: nicht laut, sondern UNGEHEUER laut.

Die emotionale Tragweite dieses Wutausbruchs wird mit dem übernächsten Satz klar:

Ein klares Geräusch [das Knacken], vor dem die Vergangenheit lag und dem die ganze Zukunft folgen sollte, ein Geräusch, als zerbräche man einen Bleistift oder ein Stückchen Feuerholz auf dem Knie. (Shining, S. 22, e-Book Bastei Lübbe).

Nichts ist mehr so wie vorher. Ein so alltägliches Geräusch wie das Brechen eines Bleistifts trennt eine glückliche Vergangenheit von der düsteren Zukunft.

Zum Vergleich ein e-Book aus der Spannungsserie von Bastei Lübbe: Raus kommst du nie von R. S. Parker. Anne wacht an einem unbekannten Ort auf. Es stellt sich heraus, dass sie in einem niedrigen Raum gefangen gehalten wird, in dem sie nicht einmal stehen kann. Sie wird wütend, als sie die schmutzige Kleidung sieht, in die sie ihr Peiniger gesteckt hat.

Ohnmächtige Wut erfasste Anne. Sie wusste nicht, was sie zuerst mit dem Mistkerl anstellen wollte, der ihr das hier angetan hatte. (S. 24)

Etwas später wird es laut.

Auf einmal setzte ohrenbetäubender Lärm ein – als würde jemand mit einem Vorschlaghammer die Metallwände traktieren. Anne hielt sich die Ohren zu, blickte erschrocken nach rechts und links, oben und unten, konnte aber unmöglich bestimmen, aus welcher Richtung dieses verheerende Hämmern kam.

Der Vorschlaghammer ist nicht besonders originell, das erschrocken hin- und herschauen scheint ziemlich blass im Verhältnis zum Geräuschpegel.

Ein paar Seiten weiter (S. 46) befindet sich Anne in der beklemmenden Situation, dass sich die Decke auf sie herabsenkt.

„O Gott“, flüsterte Anne voller Entsetzen, während es ihr eiskalt über den Rücken lief.“

Vielleicht ist es schwieriger Angst zu beschreiben, als Wut, deswegen nochmal einen Blick in Shining. Der kleine Danny flieht vor einem dumpfen Krachen und seinen düsteren Vorahnungen:

sein Herz hämmerte, bis er es wie einen heißen Eisklumpen im Mund spürte, und an jeder Ecke die grauenhafte Angst, sich in diesem Labyrinth dem menschlichen Tiger ausgeliefert zu sehen.

Es sind die kleinen, die konkreten Dinge, die den Unterschied machen.

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3 Gedanken zu “Gefühle zwischen Schmalz und Schwulst

  1. Sehr anschaulich und hochinteressant geschrieben Dein Beitrag. Stephen King, den ich auch schätze, würde ich allerdings nicht in allen Stil- und Kompositionsfragen unbedingt als Vorbild ansehen.
    Viele Grüße
    herbertsteib

    1. Freut mich, dass dir der Beitrag gefällt. Und ja: ich würde Stephen King nicht in allen Bereichen als Vorbild ansehen. Ich greife gern weitere Beispiele auf bzw. bin offen für Vorschläge. LG, Maike

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