Phantastische Literatur – eine Gratwanderung

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen phantastischer und fantastischer Literatur und was hat Fantasy damit zu tun? Tzvetan Todorov, in Bulgarien geboren, in Paris mit seinen literaturtheoretischen Betrachtungen berühmt geworden, versuchte als einer der Ersten Klarheit in das Wirrwarr zu bringen. 741578_web_R_K_by_berggeist007_pixelio.de

Er unterscheidet zwischen dem „Phantastischen“ und dem „Wunderbaren“. Letzteres spielt in einer Welt, in der das Übernatürliche existiert. Ohne Wenn und Aber. Orks streifen durch die Wälder, Zauberschüler schleudern Lichtblitze, Drachen fliegen in den Sonnenuntergang. In der phantastischen Literatur, so Todorov, steht die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, auf der Kippe. Je nach Lesart kann man die Ereignisse als übernatürlich oder als realistisch beurteilen.

Nach Todorov bleibt die Geschichte solange phantastisch, solange man nicht eindeutig zwischen wahr und wunderbar entscheiden kann. Die Phantastik ist gewissermaßen die Unschärferelation der Literatur. Löst sich die Geschichte am Ende auf, egal ob „wunderbar“ oder realistisch, d.h. spielt sie zweifelsfrei im Übernatürlichen oder gibt es eine realistische Erklärung, ist sie nicht länger dem Phantastischen zuzuordnen.

Ein klassisches Beispiel für Letzteres (realistische Auflösung) ist die Horrorgeschichte, in der der Protagonist nachts furchtbaren Dämonen ausgesetzt ist, nur um am nächsten Morgen zu erkennen, dass sich alles ganz naturgesetzkonform erklären lässt.  The Boarded Window von Ambrose Bierce ist ein typisches Beispiel für diese Art von Geschichte.

Uwe Durst hat in seinem Buch Theorie der phantastischen Literatur  Todorovs Ansätze vertieft und ergänzt. Zunächst erläutert Durst, warum der Begriff der Wirklichkeit für fiktionale Texte problematisch ist. Er führt zunächst den Begriff Realitätssystem ein und meint damit, die „Eigengesetzlichkeit“ der Welt, wie sie im Text beschrieben wird. Dieses Realitätssystem kann realistischen Charakter haben oder eine „Abweichungsrealität“, d.h. ein „wunderbares System“ darstellen. Weiter sagt Durst:

Das Phantastische liegt in der Spektrumsmitte (Nichtsystem)

Man kann sich das wie auf einem Gebirgsgrat vorstellen. Rechts fällt es steil auf eine Blumenwiese ab, das ist die „wunderbare“ Seite, links befindet sich eine Geröllhalde (realistischer Charakter). Solange man sich auf dem Grat befindet, ist die Welt des Phantastischen in Ordnung. Kippt man aber einmal nach links oder nach rechts, ist die Geschichte festgelegt und verliert somit ihren phantastischen Charakter.

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