Die Sprache des Geldes von John Lanchester

Im September las ich in der FAZ eine Rezension von Karen Horn über Die Sprache des Geldes von John Lanchester (übersetzt von Dorothee Merkel). Die Kritik war ziemlich durchwachsen, was mich wiederum neugierig gemacht hat. Ich habe den Verlag gebeten, mir ein Rezensionsexemplar zuzusenden und hielt schon nach wenigen Tagen meine Ausgaabe in der Hand. Im Folgenden meine Einschätzung.

9783608948998

Das Buch beginnt mit einer Einleitung und einer Einführung in die „Sprache des Geldes“. Den wesentlichen Teil bildet das „Geldlexikon“ von A- und B-Aktien bis zyklisch und antizyklisch. (Genau genommen fängt der Autor mit A an, einem Terminus, den er erfunden hat, um mit dem ersten Buchstaben des Alphabets beginnen und gleichzeitig auf den Rückgang der Kindersterblichkeit aufmerksam machen zu können. Lanchester definiert kurzerhand A als die Anzahl der Kinderleben, die zwischen 1990 und 2012 gerettet werden konnten. In diesem Zeitraum sind jeden Tag (!) 16.438 Kinder unter fünf Jahren weniger gestorben als zuvor).

Dem Lexikon folgt ein Nachwort sowie Anmerkungen und Literatur- und „Navigations“hinweise zum gezielten Durchforsten des Lexikons. John Lanchester ist Roman- und Sachbuchautor. In Deutschland wurde er mit dem Roman Kapital berühmt.

In der Einleitung sagt Lanchester, er habe das Buch geschrieben, um die

„gewaltige Lücke zwischen den Menschen, die wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen, und denen, die es nicht tun“

zu schließen. Das klingt lobenswert und aufklärerisch. Zugleich spricht Lanchester von den Regierungen als denen „dort oben“, die scheinbar davon ausgingen, die Wahrheit „sei für uns nicht zumutbar.“ Das hingegen klingt nach Manipulation, nach absichtlicher Verschleierung unangenehmer Wahrheiten. Auch das kann spannend sein.

Aber schon im nächsten Satz packt der Autor sich bzw. uns, die unwissenden Leser, am eigenen Schopf und sagt

Auch wenn wir, das Volk, das nie eingestehen würden, wäre es uns doch im Großen und Ganzen lieber, man würde uns die unbequemen Wahrheiten ersparen

Das sind meiner Meinung nach ganz verschiedene Ansätze. So springt der Autor auch in der Einführung in Die Sprache des Geldes ständig zwischen diesen Polen hin und her. Mal zieht er einen Vergleich mit den Priestern des Alten Ägypten und deren „professioneller Geheimnistuerei“, mal gesteht der der Finanzwelt zu, dass die Sprache deswegen komplex ist, weil die Sachverhalte dahinter es sind.

Dann wiederum sagt er

die Sprache des Geldes [hat] etwas Nacktes, Amoralisches. Sie will weniger ein direkter Ausdruck politischer Inhalte sein als vielmehr ein Werkzeug, mit dem man über diese Inhalte diskutieren kann

Das klingt nicht nach Manipulation. Lanchester geht sogar weiter und sagt, es habe etwas „Erfrischendes, über die technischen Einzelheiten einer Sache und ihre praktische Bedeutung reden zu können, ohne gleich in Empörung zu geraten.“

Vielleicht ist der Autor sich selbst nicht sicher, wie er zu der Finanzwelt und deren Sprache steht, vielleicht will er es auch nur verschiedenen Lesergruppen recht machen. Ich fand es verwirrend und manchmal auch irritierend.

Interessant wird es meiner Meinung nach, wenn Lanchester erklärt, was an der Finanzsprache so schwer zu verstehen ist. So sagt er, selbst bei komplexen Themen wie der Quantenphysik, kann man aus der Zusammensetzung von Begriffen wie „Quantenchromodynamik“ noch etwas herauslesen. In diesem Fall, dass es sich um physikalische Teilchen (Quanten) handelt und diese etwas mit Farbe (Chromo) und Bewegung (Dynamik) zu tun haben. In der Sprache des Geldes gebe es jedoch viele Begriffe, die sich nicht in ihre Einzelteile zerlegen ließen. Zum Beispiel Konsumentenrente. Dahinter verbirgt sich nicht, wie man vermuten könnte, „eine Rente, die jeder Konsument bekommt.“ Von dieser Art von Sprachanalyse hätte ich gern mehr gelesen.

Als weiteren Grund für die Unverständlichkeit der Finanzsprache führt Lanchester den Begriff der „Gegenteilisierung“ ins Feld: Die ursprüngliche Bedeutung wird auf den Kopf gestellt. Kredit, ein Wort, das ursprünglich für Glaubwürdigkeit und guten Ruf stand, bedeute jetzt nur noch Schulden. Synergie sei gleichbedeutend mit dem Entlassen von Arbeitskräften und Risiko bezeichne die präzise mathematische Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Das ist sicherlich richtig, aber es ist keine Besonderheit der Sprache des Geldes. Das betrifft viele Fachsprachen. Man denke nur an den Unterschied zwischen der umgangsprachlichen Bedeutung von Hausbesitzer und der juristischen.

Im weiteren Verlauf der Einführung holt Lanchester etwas weiter aus und wechselt vom „Thema der Finanzsprache zur Ökonomie im Allgemeinen.“ Er beleuchtet die unterschiedlichen Denkschulen und kommt zu dem seiner Ansicht nach „Wichtigsten, was jemals zu den Gesetzen der Ökonomie gesagt wurde.“ Diese seien – im Gegensatz zu den Naturgesetzen

Eine allgemeine These oder Aussage zu bestimmten Tendenzen, mehr oder weniger gewiss und mehr oder weniger genau

Das hat zwar nicht mehr viel mit der eigentlichen Sprache der Finanzwelt zu tun, ist aber trotzdem interessant zu lesen. Zum Schluss des Kapitels folgt dann – man ahnt es – eine Philippika gegen den Neoliberalismus, die der Autor auf den letzten Seiten wieder etwas zurücknimmt. Sein Fazit: Bei jeder Theorie, bei jedem Modell handelt es sich um ein Werkzeug. Und jede Situation benötigt eben das angemessene Werkzeug. Oder um es mit Paul Watzlawick zu sagen: „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“

Wo Lanchester ganz klar punktet, ist bei der Erklärung komplexer Sachverhalte und mit seine enormen Detailwissen. Allein die Geschichte über den Nilometer, den die ägyptischen Priester nutzten, um den Hochwasserstand vorherzusagen, ist unterhaltsam geschrieben und aufschlussreich. Immer wieder lässt er persönliche Erfahrung einfließen, um einen Sachverhalt anschaulich darzustellen.

Im Nachwort kommt Lanchester nach einer Gesamtschau zur Lage der Welt zu der Schlussfolgerung: „Die Welt geht in den Spagat“. Vor allem die soziale Ungleichheit liegt ihm dabei am Herzen, die City of London nennt er ein „Raubritterschloss.“ Ehrlicherweise sagt er aber auch, dass er keine klare Alternative zum Kapitalismus erkennen könne. Die Diskussion in der Sprache des Geldes wird also weitergehen.

Zum Schluss möchte ich noch das „Rätsel“ um die Konsumentenrente auflösen. Lanchester schreibt

Zum Beispiel hat der Computer, den ich gerade benutze, vor fünf Jahren 1200 Pfund gekostet. Wenn man den Nutzen miteinberechnet, den er mir seitdem gebracht hat, ist er wesentlich mehr wert als dieser Betrag – mindestens zwanzig mal mehr, schätze ich -, und zwar wegen der Menge an lukrativer Arbeit, die er mir ermöglicht hat. Wenn ich also die Gesamtsumme dessen zahlen müsste, was mir der Computer wert ist, müsste ich sehr viel mehr auf den Tisch blättern, als ich es tatsächlich getan habe. Dieser Unterschied – der Unterschied zwischen dem, was ich für ihn zu bezahlen bereit wäre, und dem, was er mir tatsächlich einbringt – ist meine Konsumentenrente

Fazit

Streckenweise ist mir nicht ganz klar, wohin der Autor eigentlich will, manchmal schweift er mir zu weit vom Thema ab und manchmal nehmen seine Ausführungen Züge eines politischen Manifests an. Das Lexikon selbst ist gut recherchiert, man merkt, dass der Autor sich auskennt, und die Begriffe sind klar und verständlich erläutert.

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