Das Gift – Samanta Schweblin

Vor ein paar Wochen habe ich über die Gratwanderung der Phantastischen Literatur berichtet. Sie schwebt zwischen dem, was wirklich sein könnte, und dem, was es definitiv nicht mehr ist. Ein Buch, das diesen Zwischenzustand wunderbar illustriert, ist der Roman Das Gift von der argentinischen Autorin Samanta Schweblin (übersetzt von Marianne Gareis).

Amanda fährt mit ihrer Tochter Nina aufs Land, um dort Urlaub zu machen. Sie lernt Carla kennen, die mit ihrem Sohn David und ihrem Mann im Dorf wohnt. Amanda spürt sofort „eine Art Anziehung“ zu Carla. Carla erzählt ihr von dem Gift, das zuerst die Tiere und nach und nach auch die Menschen im Dorf vergiftet hätte. Auch ihr Sohn David sei krank geworden. Weitab vom nächsten Krankenhaus habe sie Hilfe bei einer Heilerin gesucht. Seitdem sei David nicht mehr ihr Junge, das Kind in seinem Körper ein fremdes, ein „Monster“. Amanda hält das alles für einen „Riesenunsinn“, gleichzeitig wächst ihre Sorge um die eigene Tochter.

Die Geschichte entwickelt sich wie ein Fiebertraum. Das beginnt bereits mit dem ersten Satz

Sie sind wie Würmer. Was für Würmer? Wie Würmer, überall. Es spricht der Junge, er flüstert mir die Worte ins Ohr. Ich bin die, die fragt. Würmer im Körper?

Amanda befindet sich im Krankenhaus. Sie liegt im Sterben. Der Junge – David –  drängt sie, genau zu beschreiben, was vorgefallen ist, und keine Details auszulassen. Das sei wichtig für alle. Nur so könnten sie herausfinden, „zu welchem Zeitpunkt genau die Würmer geboren wurden.“

Amanda erzählt also. Haargenau und sehr konkret. Gleichzeitig will sie herausfinden, was mit ihrer Tochter Nina geschehen ist. Sie spricht von dem „Rettungsabstand“ zu ihr

Er [der Rettungsabstand] ändert sich mit den Umständen. Zum Beispiel wollte ich Nina in den ersten Stunden, die wir in dem Haus waren, ununterbrochen in meiner Nähe wissen. Ich musste ja erst rauskriegen, wie viele Ausgänge es gab, musste die Stellen ausfindig machen, an denen der Holzboden besonders splittrig war, mich vergewissern, dass das Knacken der Treppe keine Gefahr bedeutete.

Es ist dieser Rettungsabstand, dieser Faden, der jederzeit reißen kann, der dem Roman seine doppelbödige Tiefe verleiht. Er steht nicht nur für die Sorgen einer Mutter um ihr Kind, er beschreibt ganz allgemein die diffuse und häufig verdrängte Angst, dass die Welt wie wir sie kennen, plötzlich einstürzt, dass eine Katastrophe über uns hereinbricht und unser Leben in ein Vorher und ein Nachher teilt.

Samanta Schweblin überzeugt nicht nur durch die Konstruktion ihrer Geschichte, es ist vor allem auch ihre Sprache, die Bilder, die den Leser oder die Leserin sofort in das Geschehen hineinziehen. Carlas Mann züchtet Pferde, gleich zu Beginn der Erzählung stirbt ein preisgekrönter Deckhengst, Carla selbst trägt häufig einen goldfarbenen Bikini und arbeitet als Buchhalterin auf einer Farm. Amanda navigiert zwischen „Schlaglöchern auf der Schotter- oder Sandpiste“, Sojapflanzen neigen sich ihr zu.

An keiner Stelle verlässt die Autorin das Konkrete und trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – gelingt es ihr diesen schwebenden Zustand aufrecht zu erhalten, dieses  Unentschieden zwischen dem, was sein könnte, und dem was „wunderbar“ ist.

 

 

 

 

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