Die Zwiespältigkeit der Ironie

Mit der Ironie ist es so eine Sache. Vom Sprecher oder der Sprecherin wird sie gern in der Absicht verwendet, dem Gesagten die Spitze zu nehmen. Vom Empfänger (oder der Empfängerin) wird die Ironie aber oft als eine Verschärfung der Herabsetzung empfunden.

Fotolia_94975049_S

In ihrer Dissertation Ein linguistisches Ohr im Jour fixe beleuchtet Christiane Schaffarczyk dieses Phänomen von allen Seiten. Sie analysiert darin die wöchentlich stattfindenden Gespräche (Jours fixes) eines Teamleiters mit seinem Team.

Schaffarczyk spricht vom „deplatziert förmlichen“ Sprechen als einem Verfahren, um die Hierarche zwischen Teamleiter und Team zum Ausdruck zu bringen. Statt einer klaren Ansage („Erledigen Sie das bis …“) erfolge eine in Konjunktiven verpackte Bitte („Wenn es Ihnen möglich wäre, könnten Sie dann bitte…“).

Die distanzierende Wirkung […] entfaltet sich somit über den Umweg der Ironie, denn ironisch wirkt es allemal, wenn höfliche Ausdrucksweisen dort benutzt werden, wo sie nicht hinpassen.

Trotz höflicher Formulierung entgeht es also den Zuhörern nicht, dass sich dahinter eine Anordnung verbirgt.

Eine weitere Methode, Distanz zu erzeugen, ist laut Schaffarczyk das „trivialisierende Sprechen“ also z.B. Formulierungen wie „Da haben wir aber noch viele Hausaufgaben zu machen“. Auch hier wirkt die Ironie nicht abmildernd, sondern im Gegenteil, verstärkt die Distanz.

Auch in der Literatur fungiert die Ironie als Mittel der Distanzierung des Erzählers von dem Geschehen. Thomas Mann fällt da ein. Unter dem Stichwort „Thomas Man + Ironie“ liefert Google eine  Besprechung von Reinhard Baumgarts „Thomas-Mann-Buch“ von 1966, den Stand der Ironie-Forschung der Universität Bielefeld (1999) und einen Beitrag der Deutschen Welle zu ThomasMann und die ironische Weltanschauung.

Hans-Dieter Gelfert spricht in seinem Buch „Was ist gute Literatur?“ von dem für deutsche Autoren typischen ironischen Overstatement, das

die Distanzierung durch eine bewusst gespreizte Rede zum Ausdruck bringt.

Gelfert geht sogar soweit, der deutschen Literatur einen Hang zum „stilistischen Overstatement“ zu bescheinigen. Englische Autoren bevorzugten das ironische Understatement, das „einen kritischen Sachverhalt wie etwas Selbstverständliches erwähnt“.

Als Paradebeispiel zitiert er Jane Austen, die Stolz und Vorurteil mit dem ironischen Understatement beginnt

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein lediger Mann, der im Besitz eines guten Vermögens ist, dringend eine Frau braucht.

Aus meiner Sicht eines der besten Beispiele dafür, wie man mithilfe der Ironie über „schwerwiegende Dinge in leichtem Ton“ reden kann, wie Gelfert das Understatement auch umschreibt, ist Matt Ruffs Roman Ich und die anderen. Mit den Worten

Ich war sechsundzwanzig, als ich aus dem See kam, was manche Leute wundert, die sich fragen, wie ich ein Alter haben konnte, ohne eine Vergangenheit zu haben. Aber auch ich wundere mich: Die meisten Leute, die ich kenne, können sich an ihre Geburt nicht erinnern, und – das ist das erstaunlichste – es stört sie gar nicht, daß sie sich nicht erinnern.

wird eine der vielen Persönlichkeiten des Erzählers eingeführt. Gleich auf den ersten Seiten erfährt der Leser bzw. die Leserin, dass Andy Gage von seinem Stiefvater so schwer misshandelt wurde, dass seine Seele „zersplitterte“ und eine dieser Stimmen nun zum Erzähler wurde. Schwerer kann ein Thema kaum sein, trotzdem kommt der Roman so leicht, so virtuous daher, dass es ein großer Genuss ist,  ihn zu lesen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s