Wie man Neusprech vermeidet

Jede Woche veröffentlicht Michael Noll, der an der Texas State University Creative Writing unterrichtet, in seinem Blog Read to Write Stories, Schreibkicks und Übungen, die er anhand ausgewählter Texte illustriert.

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In seinem Post How to Escape the Trap of Ideological Language erklärt Noll, wie man es vermeidet, leere Worthülsen zu produzieren oder ideologisch gefärbte Phrasen zu dreschen. Als Beispiel zieht er ein Gedicht von Naomie Shihab Nye heran. Es erschien in dem Band Extraordinary Rendition – American Writers on Palestine.

Das Gedicht hat den Titel

Before I Was A Gazan.

Und beginnt mit der Zeile

I was a boy

Wie Noll ausführt, ist es genau dieser Unterschied zwischen „a Gazan“, ein Bewohner Gazas, und „a boy“, also ein Junge, um das es bei der Vermeidung von Ideologie geht (und den Shihab Nye hier bewusst eingesetzt hat). Der Begriff „Gaza“ wecke zumindest im Westen Assoziationen von Gewalt, er ist politisch gefärbt und rückt den politischen Kontext in den Vordergrund. Im Gegensatz dazu lässt der Begriff „Junge“ an ein Kind denken, betont also die menschliche Seite.

Shihab Nye beginnt ihr Gedicht also mit dem Jungen und fährt fort zu beschreiben, was ihn als Jungen so beschäftigt z.B. seine Hausaufgaben. Die Figur wird dadurch greifbar und vor allem menschlich, die Leserin oder der Leser fühlt mit ihm. Wenn er dann zum Einwohner Gazas wird, „I became a Gazan“, ist er nur noch eine Zahl in der Statistik, er verliert seine Menschlichkeit und wird zum Statthalter für eine politische Argumentation.

Wie vermeidet man es also, Figuren nur als Statthalter für eine bestimmte Weltsicht zu verwenden? Noll schlägt (unter anderem) folgende „Tests“ vor:

  • Keine Begriffe, die man nicht malen oder zeichnen kann. Man kann einen Jungen kritzeln, aber nicht einen „Einwohner Gazas“.
  • Man lese eine Webseite, die ganz klar eine politische Richtung vertritt (und zwar die eigene) und vergleiche: Verwende ich diesselben Begriff wie auf der Webseite? Falls ja, ist die Gefahr groß, mehr Propaganda als Prosa zu produzieren.
  • Packe Figuren, die aus eigener Sicht einer Minderheit angehören,  mit anderen derselben Minderheit in eine Szene. Wenn sich die Figuren plötzlich nichts zu sagen haben, dienen sie vermutlich lediglich als Statthalter für eine bestimmte Gruppe bzw. Meinung.

Manchmal fällt es schwer, die ganz alltäglichen Dinge, die eine Figur ausmachen und umtreiben, genau zu beobachten und zu beschreiben. Zu schnell setzt der Interpretationsmechanismus in unserem Gehirn ein, zu stark ist die Versuchung, „Botschaften“ zu formulieren.

Betty Edwards, bekannt für ihr Buch Garantiert zeichnen lernen, hat sich lange damit beschäftigt, wie sie ihren Zeichenschülern das Interpertieren ab- und das zeichnerische Sehen angewöhnen kann. Nach vielen misslungen Versuchen, drehte sie die Vorlage, die die Schüler abzeichnen sollten, auf den Kopf.

Damit konnten die Schüler nicht länger zuordnen, was zur Wange gehörte, was zu den Haaren, und mussten sich auf Abstände und Bögen, Striche und Schattierungen konzentieren. Das Experiment war erfolgreich: Die „Auf-dem-Kopf“-Zeichnungen waren deutlich besser als die anderen.

Thaisa Frank und Dorothy Wall schlagen in ihrem Buch Finding Your Writer’s Voice vor, es mal mit Singen während des Schreibens zu versuchen. Auch das legt die Interpretationsmechanik in unserem Kopf erfolgreich lahm.

Zum Schluss noch ein Beispiel, wie sich so etwas Älltägliches wie Luft aufregend beschreiben lässt, wenn man nur den neuen Blick zulässt. Die Textpassage stammt aus Italo Calvinos Cosmicomics und darin aus dem Kapitel Der Himmel aus Stein. Der Ich-Erzähler, Qfwfq, lebt mit seiner Geliebten Rdix unter der Erdkruste, unter einem Himmel aus Stein. Dort sind die beiden enormen, aber langsam wirkenden Kräften ausgesetzt. Plötzlich gelangen sie an die Oberfläche, was dem Erzähler gar nicht gefällt:

Nun aber kamen uns die Vibrationen der Luft entgegen wie ein Geprassel winziger tönender Funken, die pausenlos in einer für uns unterträglichen Geschwindigkeit vonüberallher im Raum heranschossen. Es war eine Art Juckreiz, der uns in eine wilde Raserei versetzte. Uns packte – oder zumindest mich packte (von hier an muß ich meine Stimmungslagen von denen Rdixens unterscheiden) – der heftige Wunsch, in den schwarzen Grund der Stille zurückzuweichen, wo das Echo der Erdbeben nur gedämpft ertönt und sich in der Ferne verliert. Für Rdix indessen, wie immer angezogen vom Seltenen und Gewagten, war es der ungeduldige Drang, sich etwas Einzigartiges anzueigenen, mochte es gut oder schlecht sein.

 

 

 

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