War James Joyce ein Mathematikgenie?

Auf writerswrite.com erschien letzte Woche ein Beitrag über die mathematische, genauer gesagt fraktale Struktur literarischer Meisterwerke. Fraktale sind geometrische Muster mit hoher Selbstähnlichkeit. Das bedeutet, dass sich dasselbe Muster immer wiederholt, im Großen wie im Kleinen.  Ein Beispiel dafür ist das sogenannte Sierpinski-Dreieck, das aus drei übereinander gestapelten Dreiecken besteht, die wiederum jeweils aus drei Dreiecken bestehen usw. Egal wie genau man hinschaut, immer sieht man aufeinander gestapelte Dreiecke.

Abstract background, fantastic 3D  structures, fractal design.
Abstract background, fantastic 3D structures, fractal design.

Die zweite Besonderheit von Fraktalen ist, dass sie keine ganzzahlige Dimension aufweisen. Man kennt das vielleicht noch aus der Schule: eine Linie ist eindimensional, eine Fläche zweidimensional, ein Würfel dreidimensional. Ein Fraktal hat eine Dimension, die dazwischen liegt. Man kann sich das etwa so verbildlichen: Würde man im Falle des oben beschriebenen Sierpinski-Dreiecks die Umrisse sämtlicher Dreiecke ausrollen, erhielte man eine sehr lange eindimensionale Linie. Wenn man hingegen die Dreiecke eng genug packt, decken sie fast vollständig die Fläche des größten Dreiecks ab, sind also (fast) zweidimensional.

Wissenschaftler aus Polen haben nun mehr als hundert berühmte Werke der Weltliteratur aus verschiedenen Genres analysiert (von A wie Sir Arthur Conan Doyle bis V wie Virginia Woolf). Sie haben sich dabei vor allem die Variationen in der Satzlänge angesehen. So pegelt sich zum Beispiel in Krieg und Frieden die Satzlänge bei rund fünfzig Worten ein und bleibt meist unter hundert Worten.

Ein Genre stach dabei besonders hervor: Die Stream of Conciousness-Erzählungen. Sie sind nicht nur fraktal sondern sogar multifraktal aufgebaut (das heißt mehrere Fraktale sind ineinander verwoben). Was exotisch klingt, kommt gerade in der Natur häufig vor. Der Herzschlag zum Beispiel folgt einer multifraktalen Struktur.

Bei Finnegans Wake hingegen zeigt das „Spektrum“ sämtlicher Stätze heftige Ausschläge mit bis zu fünfhundert Worten je Satz, die von Abschnitten mit recht kurzen Sätzen unterbrochen werden. Trägt man diese Werte gegeinander ab, so entsteht im Fall von Finnegans Wake eine perfekte Parabel – ein Zeichen für eine multifraktale Struktur. Die spannende Frage ist jetzt: Ist unser Bewusstsein fraktal? Und wenn ja, was bedeutet das? Das, so Professor Drozdz, sei noch nicht ganz klar. Wir warten gespannt auf weitere Analysen.

 

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2 Gedanken zu “War James Joyce ein Mathematikgenie?

  1. Hallo Frau Braun,
    danke für den interessanten Artikel. Ich habe die Fraktal-Eigenschaft einer Geschichte nie von der Seite der Wörter betrachtet, obwohl ich schon lange davon ausgehe, dass jede (zumindest gut aufgebaute) Geschichte fraktal ist. Was für mich sowohl die Schönheit der Mathematik als auch der Literatur unterstreicht.
    Was ist eine Geschichte? Grob gesagt, ist das ein Anfang (wo die Reise los geht), eine Mitte (wo die Dinge spätestens schlimmer werden) und ein Ende (wo die Konflikte endgültig eskalieren, bevor sie endlich gelöst werden). Sie braucht (mindestens) einen Protagonisten und meistens einen (wie auch immer geratenen) Antagonisten. Am Ende hinterlässt sie eine veränderte Welt / einen veränderten Protagonisten.
    Woraus besteht eine Geschichte? Wenn sie ein wenig länger ist, dann aus einzelnen Kapiteln.
    Was ist ein Kapitel? Grob gesagt, das ist ein Anfang (wo der aktuelle Teil der Reise los geht), eine Mitte (wo die Dinge schlimmer werden) und ein Ende (Sie ahnen schon). Es braucht mindestens einen Protagonisten (nicht unbedingt der Protagonist der Gesamtgeschichte), meistens einen Antagonisten (nicht unbedingt der Antagonist der Gesamtgeschichte) und am Ende ist nichts mehr so, wie es mal war.
    Was ist also ein Kapitel? Eine Geschichte in einer Geschichte.
    Woraus besteht ein Kapitel? Wenn es ein wenig länger ist, dann aus einzelnen Szenen.
    Was ist eine Szene? Grob gesagt, das ist ein Anfang (wo der aktuelle Teil des aktuellen Teils der Reise los geht, eine Mitte (Sie ahnen schon)… Protagonist, Antagonist, Veränderung.
    Was ist also eine Szene? Eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte.
    Woraus besteht eine Szene? Wenn sie ein wenig länger ist, dann aus einzelnen Beats…
    Ich denke, ich habe die Idee rüber gebracht.

    Mira Alexander

    P.S.: Übrigens, ich bin dreifach froh über diesen Artikel. Nicht nur hat er mir etwas Neues über die Struktur der Geschichten gebracht. Ich durfte ein wunderschönes fraktales Bild bewundern und stieß auf eine Menge weiterer interessanter Artikel, die ich mir bereits auf Halde gelegt habe. Hoffentlich finde ich schon heute Zeit, wenigstens einige davon durchzugehen (dabei habe ich erst die letzten paar Artikel überflogen)

    1. Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Sie haben recht: eine Geschichte ist ebenfalls selbstähnlich aufgebaut. Das habe ich so noch nicht betrachtet. Ich freue mich, dass Sie etwas gefunden haben, das Sie interessiert. Herzliche Grüße, Maike Braun

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