Freiheit oder Liebe?

Darum geht es in dem Gedicht von Sándor Petöfi, das Georg Paul Hefty vor Kurzem in der FAZ besprach. Um Freiheit geht es auch in dystopischen Romanen. In 1984 verrät Winston Smith im Anblick der hungrigen Ratten vor seinem Gesicht den Namen seiner Geliebten und damit seine Seele. Seine Hinrichtung  ist da nur noch eine Fußnote.

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In This Perfect Day (deutsch: Die sanften Ungeheuer) von Ira Levin, der auch Rosemaryies Baby und Die Frauen von Stepford geschrieben hat, geht es ebenfalls um Freiheit oder Liebe:

Die Menschheit lebt in einer befriedeten Welt. Alle sind gleich. Nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch genetisch unterscheiden sich die Menschen kaum, bis auf ein paar Kleinigkeiten. Wie zum Beispiel Chip, die Hauptfigur des Romans, „desse rechtes Auge grün war anstatt braun“. Offiziell heißt er Li RM35M26J44. Ein gigantischer Computer – UniComp – teilt den Mitgliedern der erdumspannenden Gemeinschaft Wohnort, Job und Fortpflanzungserlaubnis zu. Er sagt ihnen, wann sie arbeiten, schlafen oder Sex haben sollen. Bei den verpflichtenden Behandlungsterminen im Medizentrum erhält jedes Mitglied einen Cocktail aus Verhütungsmittel, Antibiotika und Beruhigungsmittel. So wird sichergestellt, dass niemand krank oder aufmüpfig ist oder emotionale Bindungen entwickelt.

Chip ist anders, nicht nur wegen seines grünen Auges. Das eigenständige Denken lässt sich bei ihm nicht dauerhaft unterdrücken. Immer wieder lehnt er sich auf, immer wieder wird er ruhig gestellt. Bis er Lilac kennen lernt.

Mehr möchte ich nicht verraten, falls jemand das Buch lesen möchte.

Auch in dem Klassiker Wir von Jewgeni Samjatin von 1920 werden die Menschen durchnummeriert. (In einem sehr lesenswerten Spiegel-Artikel von 1958 stellt der Autor des Artikels die Frage, in wieweit Orwell und Huxley von Samjatin abgekupfert haben mögen). Die Hauptfigur heißt hier D-503 und ist der Konstrukteur eines Raumschiffs, das die „erhabene Größe des Einzigen Staates preisende Werke“ ins Weltall bringen soll. Wieder ist es eine Frau, die den Helden der Geschichte zum Nachdenken bringt, zum Widerstand gegen das System anstachelt. Und auch in dieser Dystopie ist von Staats wegen kein Platz für Gefühle wie Liebe.

Läuft es darauf hinaus: Freiheit oder Liebe?

In The Circle von Dave Eggers spielt die Liebe keine allzu große Rolle. Mae Holland, die Hauptfigur, bekommt ihren Traumjob bei der Internetfirma The Circle, einer Mischung aus Google, Apple und Facebook. Zunächst widerstrebend, dann aber immer williger, unterwirft sie sich der totalen Überwachung. Zugehörigkeit und Transparenz ist alles. Eigenständigkeit und Geheimnisse wecken nur Misstrauen. Schließlich gilt: Wer nichts zu verbergen hat, braucht auch nichts zu befürchten. Schon mal irgendwo gehört?

Margaret Atwood geht in Oryx and Crake noch einen Schritt weiter. In dieser Zukunftsvision gibt es nur eine Chance für Flora und Fauna: wenn dem Menschen durch genetische Manipulation jeglicher Wissensdrang, jegliches Besitzstreben sowie die Angst vor dem Tod ausgetrieben wird. Nicht ganz so radikal, dafür dichter an unserer Wirklichkeit schlägt Houllebecq in Elementarteilchen vor, der Menschheit den Geschlechtsstrieb wegzuzüchten. Und in Lobgesang auf Leibowitz von 1959 geht Walter Miller jr. der Frage nach, ob die Wissenschaft oder der Glaube die Menschheit vor sich selbst bewahren wird. Die Antwort fällt ziemlich düster aus, obwohl sich das Buch sehr unterhaltsam liest und vom Stil her leichtfüßig daherkommt.

Christopher Booker (siehe auch hier und hier) sortiert die (klassischen) Dystopien unter „Rebellion against ‚The One'“ ein und sieht sie in einer Linie mit dem Buch Hiob. Die Grundstruktur dieser Art von Roman, so Booker, sieht folgendermaßen aus (meine, sinngemäße Übersetzung):

 Den Kern dieses Plots bildet der einsame Held, der zunehmenden Widerstand gegenüber einer gewaltigen Macht verspürt, die die gesamte Welt, in der er lebt, beherrscht. Zunächst ist er überzeugt, dass die totalitäre Macht einen grundlegenden Fehler aufweisen muss. Aber plötzlich sieht er sich dieser Kraft in ihrer gesamten furchteinflößenden Allmächtigkeit ausgesetzt.  Der Held zerbricht. Er muss (sich) eingestehen, dass seine bisherige Sichtweise nur einen sehr beschränkten Blick auf die Wirklichkeit darstellt. Er unterwirft sich willig dieser Macht.

Booker schließt das Kapitel mit einer tröstlichen Note. Der Mensch würde sich nie vollständig und für immer unterwerfen, da das Ich fester Bestandteil der menschlichen Psyche sei. – Zumindest solange die Gentechniker noch nicht das entsprechende Gen für das Ich entschlüsselt haben.

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