Too much, too early

In der Geschäftswelt spricht man von „too little, too late“, wenn jemand zu spät und zu zaghaft auf Veränderungen reagiert und so das gesamte Geschäft oder Unternehmen gefährdet (Eine ganz andere, musikalische Interpretation findet sich hier).

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In manchen Genretexten kann man hingegen eher das umgekehrte Phänomen beobachten: zu viel, zu früh. Besonders wenn es sich um Science Fiction oder Fantasy handelt, wenn also ganze Welten erschaffen und dem Leser bzw. der Leserin vermittelt werden sollen.

Ein Beispiel dafür findet sich in Arcanum – Geschichten aus der Zukunft, einer Anthologie, die von der Zeitschrift Visionarium herausgegeben wurde. Die Zeitschrift widmet sich „phantastischen Abwegen“ aller Couleur, von Horror über Urban Fantasy zu New Weird. Schon alleine deswegen ist ein Blick in das Magazin lohnenswert. Wo sonst finden sich all diese Subgenres an einer Stelle und mit Qualitätsanspruch versammelt.

es ist unser Bemühen, qualitativ nur das Hochwertigste aus jedem Genre anzubieten (aus der Verlagsinfo auf amazon)

Die Geschichte „Unterwegs ins Paradies“ von David Farland, kein unbeschriebenes Blatt im Bereich Science Fiction und Fantasy, beginnt spannend. Eine schwer verletzte Frau bricht am Stand eines Schaubudenbetreibers zusammen und verlangt, dass der aus ihrem Armstumpf eine neue Hand wachsen lässt – und zwar sofort. Das Setting ist ebenfalls (aus europäischer Perspektive) ungewöhnlich: Die Geschichte spielt in einem Armenviertel in Panama. Gleich der erste Satz macht klar, dass sich das Ganze in einer hoch technologisierten Zukunft abspielt und der Autor hat sich schöne Wörter für zukünftige Dienstleistungen ausgedacht wie z.B. Hirnbeutel (s.u.). Innerhalb der ersten zehn Seiten erfährt man, dass

  • der Süden des Kontinents sozialistisch ist und es Menschen gibt, die deswegen fliehen („refugiados“)
  • es eine (US?-)amerikanische Kolonie in Brasilien gibt
  • die Menschheit auch Planeten mit geringer Schwerkraft besiedelt
  • man mit Kristallen, die ein „Flüssig-RAM-Paket“ (was auch immer das sein mag) enthalten, bezahlen kann
  • der Erzähler gerne eine Verjüngungs-Behandlung an sich durchführen würde, ihm dafür aber das Geld fehlt
  • in Chile vor dem Putsch der Sozialisten genetisch aufgerüstete Supermenschen, sogenannte Chimären erschaffen wurden
  • das chilenische Regime gestürzt wurde, als auch die Kampfhähne genetisch aufgepeppt wurden
  • der Erzähler seine Augen verloren hat und sie durch Prothesen ersetzte, was ihm auch das Infrarotsepktrum sichtbar macht
  • der Erzähler als Kind Zeuge wurde, wie eine kriminelle und mit Organen handelnde Familie von der Polizei hingerichtet wurde. Einzig drei Jungen im Alter von zehn Jahren verschonte der Captain damals, sodass sich der Erzähler jetzt fragt, was wohl dessen Motiv gewesen sein mochte
  • der Kristall die Software (Realitätsprogramm) für einen sogenannten Hirnbeutel beinhaltet: Einem zwecks Transplatation aus dem bisherigen Körper entnommenem Gehirn wird mithilfe der Software eine reale Existenz vorgegaukelt
  • der Kristall einem gewissen Amir Jafari gehört, der in „einem der Lagrange-Orbits“ wohnt, keine Staatsbürgerschaft besitzt und deswegen vermutlich außerhalb des Gesetztes lebt

Das ist ziemlich viel Information für die ersten 2.000 Wörter, die es zu verdauen gilt. Zumal die Menge an Detailinformationen nicht nachlässt.

Zum Vergleich:

In „Wir“ von Jewgeni Samjatin (siehe auch hier) nutzt der Autor eine Zeitungsnotiz, um gleich zu Beginn die Andersartigkeit der Welt darzustellen. Anschließend wird nach und nach ergänzt. In Rachel Pollacks „Unquencheable Fire“ dreht sich in den ersten Seiten alles um den nationalen Feiertag „Day of Truth“ (Tag der Wahrheit). Auch hier muss sich die Leserin bzw. der Leser mit viel Unbekanntem zurechtfinden, aber – ähnlich wie in „Wir“ – dreht sich alles um den Kernpunkt der Geschichte. In „Wir“ ist das der Bau der Rakete und in Pollacks Roman die herrschende religiösen Praktiken und deren Verfall.

Kurt Vonnegut bringt im ersten Absatz seiner Gesichte „Harrison Bergeron“ alles, was man wissen muss, um die Geschichte einordnen zu können (eine Einstimmung gibt es hier):

The year was 2081, and everybody was finally equal. (Es war das Jahr 2081 und alle Menschen waren endlich gleich).

Der Rest der Geschichte ergibt sich dann aus dieser Prämisse.

Michael Noll gibt auf seinem sehr lesenswerten Blog Read to Write Stories einige Tipps, wie der Moment der „Unwahrscheinlichkeit“ möglichst gut im Sinne der Geschichte überbrückt werden kann: Man gibt genauso viel Information, um das Geschehen halbwegs plausibel erscheinen zu lassen. Dabei gilt es die Ansprüch der Leserschaft zu berücksichtigen: Science Fiction Afficionadas erwarten sicherlich mehr technische Details als andere Leser. Die Skeptiker überzeugt man, indem man entweder eine der Figuren dieselbe skeptische Frage stellen oder dasselbe ungwöhnliche Ereignis beoachten lässt. Und schließlich kann man einen Experten (innerhalb des Romans oder außerhalb) zitieren. Auf jeden Fall, rät auch Noll, gilt es, möglichst zügig weiter mit der Handlung voranzuschreiten und sich nicht in Details zu verlieren. Also lieber weniger und dann darauf aufbauen.

 

 

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