Immer opportun: Der Tyrannenmord

Mein Beitrag kommt diese Woche etwas später als geplant. Ich probiere im Moment verschiedene Animationssoftware aus und wollte deswegen die Einführung zu diesem Beitrag animieren.  Das hat alles wesentlich länger gedauert und ist auch deutlich schwieriger als gedacht (Nachfragen dazu gern über die Kommentarfunktion). Hier das vorläufige Ergebnis:

Christopher Bookers Buch habe ich bereits hier schon einmal erwähnt. Da ich mich zurzeit für Dystopien interessiere, arbeite ich mich von hinten nach vorne durch das Buch durch. Das entspechende Kapitel, Kapitel 28, ist bei Booker mit „Rebellion Against ‚The One‘: From Job to Nineteen Eight-Four“ überschrieben. Booker zieht also eine Parallele zwischen dem Buch Hiob und 1984 von George Orwell.

Das Grundmuster dieses Plottyps, so Booker, ist ein einsamer Held (oder eine einsame Heldin), dessen Welt eine allgegenwärtige, mysteriöse Macht beherrscht. Der Held ist zunehmend überzeugt, dass er gegen diese geheimnisvolle Macht ankämpfen muss, dass sie von Übel ist. Aber dann sieht sich der Held dieser Macht gewissermaßen von Angesicht zu Angesicht gegenüber:

The rebellious hero is crushed. He is forced to recognise that his view had been based only on a very limited, subjective perception of reality. He ends accepting the power’s rightful claim to rule over the world and himself.
(In etwa: Der rebellische Held liegt niedergeschlagen am Boden. Er muss sich eingestehen, dass er nur einen sehr eingeschränkten, subjektiven Blick auf die Welt hatte. Der Held akzeptiert die rechtmäßige Herrschaft der Macht über die Welt und sein Leben.)

Wie immer unterscheidet Booker zwischen der „lichten“ (light) und der „dunklen“ (dark) Variante eines Plotmusters. Die lichte Variante stellt in diesem Fall das Buch Hiob dar. Nachdem Hiob demütig Gottes unbegreifliche Größe anerkennt, wird er reich belohnt und lebt glücklich bis ans Ende seiner Tage.

Die dunkle Variante stellt 1984 dar (Achtung: Spoiler Alert). Der Held, Winston Smith, kämpft gegen Big Brother und die übermächtige Partei. Er verliebt sich unerlaubterweise in seine Kollegin Julia. Julia symoblisiert laut Booker den Archetyp der „anima„, der weiblichen Seite, oder Winstons „Seele“. Die beiden fliegen auf und werden verhaftet. Winston wird solange gefoltert, bis er sich der Allmacht der Partei unterwirft und anerkennt, dass es keine objektive Wirklichkeit außerhalb der Partei gibt. Aber auch das ist der Partei nicht genug. In einer letzten Szene muss sich Winston seinen tiefsten Ängsten aussetzen. Ein Käfig hungriger Ratten wird ihm vor das Gesicht gespannt – und er verrät lieber Julia, seine Seele, als sich dem auszusetzen. Er akzeptiert die rechtmäßige Herrschaft der Partei.

Elisabeth Frenzel spricht vom „Tyrannenmord“, wenn es um den Kampf gegen eine „skrupellose Macht“ und für die Freiheit geht. Ganz aufschlussreich ist auch die Wandlung, der dieser Begriff im Laufe der Geschichte unterlag. So bezeichnete das griechische Wort „Tyrannos“ laut Frenzel

ursprünglich lediglich einen Alleinherrscher [… der] zunächst als Beschützer des Volkes gegen die Besitzenden auftritt und erst allmählich zur Aufrechterhaltung seiner Stellung nach tyrannischen Mitteln greift.

Das liest sich wie eine Anleitung zur Figurenentwicklung vom wohlmeinenden Herrscher zum von der Macht korrumpierten Unterdrücker. Es ist jedenfalls ein Motiv, das so schnell nicht aus der Mode kommt.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s