Thomas von Steinaecker: Die Verteidigung des Paradies

Für die alten Sumerer war das Paradies kein Garten sondern eine reale Stadt, die Stadt Eridu (heute Abu Shahrein). Deswegen spricht die Assyrologin Gwendolyn Leick auch von der Stadt („urbanism“) als der Erfindung des Zweistromlandes, Zivilisation also als urbanes Chaos.

In Von Steinaeckers Roman „Die Verteidigung des Paradies“  geht es ebenfalls darum, was eine Zivilisation ausmacht, wenngleich die Geschichte auf einer Alm im Bayrischen beginnt und auf den ersten Blick beim Leser bzw. der Leserin Bilder des Garten Eden hervorrufen mag.

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Doch schnell wird klar, dass die sechs Menschen dort trotz aller Schwierigkeiten, ihre kleine Gemeinschaft zu versorgen, unter einer Blase des Glücks Leben. Die Alm, auf der sie ausharren, ist Teil eines Resorts und wird durch einen Schutzschirm vor der sengenden Sonne sowie der Strahlung bewahrt, die unterhalb der Alm die Ebene verödet hat. Von den Städten ist nicht mehr viel übrig. Eine Katastrophe hat die Welt, wie sie sie kannten, ausgelöscht. Unklar ist, ob ganz Europa, ja, der gesamte Planet davon betroffen ist.

Die Gemeinschaft besteht aus Cornelius, dem „weltbesten Leader“, der zur ehemaligen Elite des Landes gehört, und Jorden, einem durchtrainierten Exsoldaten,  außerdem das Pärchen Chang und Özlem, die an Alzheimer erkrankte Anne und Heinz „der Honk“, der fünfzehnjährige Ich-Erzähler. Er sieht es als seine Aufgabe an alle Geschehnisse festzuhalten:

Irgendetwas ist mit mir passiert. Ich schreibe wie ein Verrückter und will gar nicht mehr von diesem Tisch weg. Jedes Mal, wenn ich die weißen Seiten entlangfahre, über dieses allerseltenste Material, Papier, Papier! aus der Voruntergangswelt, gibt mir das Power wie noch nie. Deshalb hier meine Entscheidung: Ab dem heutigen Tag werde ich jede freie Minute dafür verwenden, aufzuschreiben, was uns widerfährt. Ich schwöre, ich wede dabei die foxysten Altwörter verwenden, die sich in meiner Sammlung finden lassen.

Von Steinaecker ist es meiner Meinung nach hervorragend gelungen, mithilfe der Sprache die Fremdheit dieser zukünftigen Welt darzustellen, ohne dabei in Techno-Jargon abzugleiten. Schon allein die Bezeichnung „Altwörter“, für Begriffe, die in der „Voruntergangswelt“ vielleicht noch Bedeutung hatten, jetzt aber nicht mehr, ist großartig. Auch für Technik, die es noch nicht gibt, denkt sich von Steinaecker gelungene Bezeichnungen aus wie zum Beispiel „Homie“ für Haus-Computer.

Einzig Heinzs Alter irritiert mich ein wenig. Meinem Empfinden nach spricht er nicht wie ein Fünfzehnjähriger, ich hätte ihn eher bei zehn bis zwölf angesiedelt. Das tut aber weder der Sprache an sich noch der Geschichte einen Abbruch.

Nachdem das Schutzschild zusammenbricht und die kleine Gemeinschaft Eindringlinge entdeckt, beschließen sie die Rosenalm zu verlassen und sich auf den Weg nach einer Sammelstelle für Überlebende zu machen, die es gerüchteweise geben soll. Der lange, beschwerliche Marsch durch die verbrannte und verseuchte Landschaft erinnert ein wenig an Die Straße von Cormac McCarthy. Wenn von einem ausgebrannten München liest und einem Tunnel durch die Alpen, die Zerstörung also plötzlich nicht mehr in einem anonymen, fernen Ort stattfindet, sondern hier, bei uns, in Deutschland und den angrenzenden Ländern, steigert das die Beklemmung noch zusätzlich.

Der einzige Trost, der Heinz bleibt, ist ein kleiner Wüstenfuchs, ein intelligentes Spielzeug mit Empathie-Chip, der darauf programmiert ist, Heinz glücklich zu machen, zum Beispiel in dem er ihm abends Märchen vorspricht.

Nach und nach erfährt die Leserin bzw. der Leser, dass die Welt vor dem Untergang, auch nicht gerade paradiesisch war, zumindest nicht für alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen. Es gab Eliten und den Rest, abgeschottete Siedlungen für die Wohlhabenden, Zusammengepferchen für die anderen. Der Anstieg der Meeresspiegel hat die gesamte Topologie des Kontinents dramatisch verändert und die Kolonisten auf dem Mars haben ihre Unabhängigkeit erklärt, weil sie mit den Wirren auf der Erde nichts mehr zu tun haben wollen. Das Ganze spielt also deutlich in der Zukunft, der Weg dorthin scheint allerdings vorstellbar.

Zusätzliche Aktualität erhält der Roman dadurch, dass es Menschen aus Deutschland sind, die fliehen und furchtbaren Umständen ausgesetzt sind. Quasi das Flüchtlingsthema mit umgekehrten Vorzeichen. Die Gesellschaft der Zukunft stellt sich dabei genau dieselben Fragen wie wir heute.

Von Steinaecker, der dem einen oder anderen vielleicht auch aus dem Webcomic auf Hundertvierzehn bekannt ist, ist mit „Die Verteidigung des Paradies“etwas ganz Besonderes gelungen: Er vereint außergewöhnliche Sprache mit einem handlungsreichen und spannenden Plot.

Ein durch und durch lesenswerter Roman.

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