Hellboy als Vorlage für Geschichten

Jessica Abel hat ein Buch über die Erzählttechiken moderner US-amerikanischer Radiomacher geschrieben, genauer gesagt: gezeichnet (Jessica Abel: Out on the Wire; mehr zu ihr auch hier). Darin beleuchtet sie, was Podcasts und Radiosendungen wie z.B. Serial oder Invisibilia  so spannend macht, dass die Zuhörer oft im Auto sitzen bleiben, bis die Sendung zu Ende ist, statt am Ziel angekommen, auszusteigen.

Abel_Out_on_the_Wire

Obwohl es sich in den von ihr besprochenen Sendungen um Sachtthemen (non-fiction) dreht, kann man Einiges daraus auf das Erzählen von erfundenen und erdichteten Geschichten übertragen.

Im Zentrum jeder Sendung steht für viele Radiomacher ein zentraler Satz, ein bisschen wie die Prämisse einer Geschichte. Der Satz dient dabei als Anleitung oder Merkposten:

Irgendjemand macht etwas weil…, aber dann …. (Rob Rosenthal)

Ich schreibe eine Geschichte über X. Und interessant daran ist Y. (Alex Blumberg)

Um also aus einem Thema eine richtig gute Geschichte zu machen, kommt es darauf an, dem Thema den richtigen „Drall“ zu verpassen. Entweder in Form unerwarteten Schwierigkeiten („… aber dann… „) oder im Herausarbeiten, was daran interessant und ungewöhnlich ist – und sich nicht zu früh damit zufrieden zu geben.

Das ist genau das, was Frank und Wall in Finding Your Writer’s Voice als Unterschied zwischen Anekdote und Story bezeichnen. Eine Anekdote beschreibt eine auf das Wesentliche reduzierte Begebenheit. Häufig kann man die „Moral“ in einem Satz zusammenfassen. Eine Story ist vielschichtiger, hat mehrere Bedeutungsebenen, öffnete das Blickfeld für den größeren Zusammenhang.

Als Jack Torrence ein Wespennest im Overlook entfernt und gestochen wird, hätte es Stephen King bei dieser Anekdote belassen können. Stattdessen nutzt er die Wespen als Symbol für Jacks unterdrückte Wut, mehr noch, als Jacks Rechtfertigung dafür, dass er nicht mehr klar denken kann und vor Wut nur noch brennt:

He had stuck his hand through some rotted flashing in high summer and that hand and his whole arm had been consumed in holy, righteous fire, destroying conscious thought, making the concept of civilized behavior obsolete. Could you be expected to behave as a thinking human being when your hand was being impaled on red-hot darning needles?

Der Arzt und Neurophysiologe Israel Rosenfeld sagt in seinem Buch zur Anatomie des Bewusstseins sinngemäß: kein Bewusstsein ohne Körper. In anderen Worten: Ein Konzept oder eine Idee muss in konkrete körperliche Reaktionen übersetzt werden, um die (emotionale) Bedeutung zu vermitteln. T. S. Eliot nannte das, ein „objektives Korrelat“ finden (siehe auch Gefühle zwischen Schmalz und Schwulst).

Gelingt es nicht, die Bedeutung eines Themas an einer Figur bzw. einer Handlung festzumachen, dann droht einer Geschichte, so Jessica Abel, dasselbe Schicksal wie der Comicfigur Johann Kraus aus dem Hellboy-Universum:  Ohne seinen Ganzkörperanzug bleibt von Kraus nur noch Rauch. Die Herausforderung für die Autorin oder den Autor besteht also darin, den richtigen Anzug für ihre oder seine Idee zu finden.

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