Stell dir vor, die Welt geht unter und keiner kriegt es mit

In der Titelgeschichte „8 Minuten und 19 Sekunden“ von Gospodinovs neuem Erzählband, stellt sich der Erzähler die  Frage, was passiert, wenn die Sonne untergeht. Wann wird er es merken? Immerhin dauert es, bis das Licht die Erde erreicht. Ist die Sonne in der Zwischenzeit erloschen, fällt genau 8 Minuten und 19 Sekunden später die Welt Knall auf Fall in Finsternis.

Gospodinov_Illustration_mb

Die Zeit spielt in Erzählungen eine ganz unterschiedliche Rolle. In Venusia von Mark von Schlegell zum Beispiel ist die Gegenwart nur eine Möglichkeit von vielen. (Ich würde dringend raten, den Roman nur im rauschfreien Zustand zu lesen. Er ist auch so psychodelisch genug).

Realität wird von der selbstreflektierenden Quanten-Einheit des Bewusstseins (auch Seele genannt) und, damit verbunden, vom Gedächtnis produziert.

In 42 von Thomas Lehr hingegen steht die Zeit still. Innerhalb einer Blase rund um den Teilchenbeschleuniger in Genf, ist die Zeit eingefroren. Lediglich für die Personen, die sich während der Katastrophe im Bauch des Beschleunigers befanden, läuft die Zeit weiter.

In Gospodinovs Erzählung „Vor dem Hotel ‚Bulgaria‘ “ dreht sich alles um eine Nacht im Leben des Erzählers, vierzig Jahren zuvor, als er seine wahren Liebe begegnete.

James Wood widmet in seiner Kunst des Erzählens (auf das mich Sophie Weigand / @literatourist gebracht hat) ein ganzes Kapitel den „verschiedenen Zeitmaße[n]“. Schon seit eh und je, so Wood, „schirrten“ Erzähler die unterschiedlichsten Dinge zusammen, die sich zur selben Zeit ereigneten. Flaubert hingegen – und das sei das Besondere – kombiniere Dinge, die unterschiedlichen zeitlichen Kategorien angehören.

Er rannte im Laufschritt zum Quai Voltaire. An einem offenen Fenster stand ein Greis in Hemdsärmeln und weinte mit erhobenen Augen. Die Seine floß friedlich dahin. Der Himmel war ganz blau; in den Bäumen der Tuilerien sangen Vögel. (Flaubert: Die Erziehung der Gefühle, zitiert wie in James Wood: Die Kunst des Erzählens)

Die Seine fließt stetig dahin, jeden Tag; ebenso zwitschern die Vögel jeden Tag – solange die Sonne scheint (siehe oben). Der alte Mann hingegen weint nur jetzt, weil die Revolution ausgebrochen ist und die Soldaten um sich schießen.

Als Gegenbeispiel dazu zitiert Wood die Bibel, in der die Zeit häufig alles andere als „naturgetreu“ verstreicht:

Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tag hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne (Genesis 22, 3-4).

Italo Calvino preist in seinen Sechs Vorschläge[n] für das nächste Jahrtausend die Vorzüge derartiger Kürze. Er lese so gerne Fabeln und Volksmärchen wegen der „Ökonomie, des Rhythmus und der schnörkellosen Logik, mit denen sie erzählt werden.“

Wie auch immer man beschließt, mit der Zeit umzugehen, wie ein Flaubertscher Flaneur die Szenerie vor dem Auge des Lesers ausbreitend oder wie von Schlegell über die Möglichkeiten sinnierend, es gilt leichtfüßig vorzugehen oder wie Gospodinov sagt:

Die wichtigste Regel beim Anlocken von Geschichten ist, dass man keinesfalls wie ein Jäger wirken darf.

 

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