Warum Klappern zwar zum Geschäft gehört, aber nicht ausreicht

Wer sich in Genre-Literatur tummelt, wird nicht darum herum kommen Actionszenen zu schreiben. Auf der Schwierigkeitsskala vermutlich nicht ganz so schwer wie Sexszenen – meines Wissens nach gibt es zwar einen Preis für schlechteste Sexszene aber keinen für die schlechteste Actionszene – , ist es trotzdem nicht einfach, eine gute Actionszene zu schreiben. Komplizierte Bewegungsabläufe müssen so beschrieben werden, dass der Leser oder die Leserin sich das vorstellen kann und gleichzeitig darf die Geschichte nicht an Tempo verlieren.

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Man kann es machen wie Kazuaki Takano in seinem Thriller Extinction und einfach nüchtern beschreiben, was passiert, Granateneinschlag auf Granateneinschlag:

Er hörte vereinzelte Schüsse, dann mehrere Explosionen auf der Hauptstraße. Raketen aus größerer Entfernung zerstörten ein Panzerfahrzeug nach dem anderen auf der Hauptstraße. Blut spritzte, Körperteile – Arme, Beine, Oberkörper – flogen durch die Luft. Mit schrillem Kreischen regneten zahllose Granaten auf die Soldaten nieder.

Relativ viel „tell“, wenig „show“. Später, wenn die Kämpfe näher an den Protagonisten heranrücken, wird es etwas Spezifischer.

In Ira Levins This Perfect Day (Die sanften Ungeheuer übersetzt von Hans Fahrbach) klingt das so (SPOILER ALERT):

Er schritt tiefer in den Raum hinein, griff nach dem Türrand und ließ ihn hinter sich zugleiten. Er senkte die Pistole, löste mit dem Daumen den Riemen über seiner Schulter und ließ den Tornister sanft auf den Fußboden gleiten. Seine Kehle wurde umklammert, sein Kopf nach hinten gerissen. Ein Ellbogen in grüner Seide tauchte unter seinem Kinn auf, ein Arm drückte ihm den Hals zu und erstickte ihn beinahe. Das Gelenk seiner rechten Hand, das die Pistole hielt, wurde von einem schmerzhaften Griff umschlossen, und Wei flüsterte ihm ins Ohr: „Du Lügner, du gemeiner Lügner, wie ich mich freue, dich umzubringen.“

Levin nutzt den Überraschungseffekt, um die Spannung zu erhöhen. Ohne Ankündigung, genauso wie es der Protagonist empfunden haben musste, taucht der Gegner plötzlich hinter ihm auf.

Wie der schon oft zitierte Michael Noll sinngemäß sagt: Zu viele (technische) Details verderben den Lesegenuss. Es reicht nicht aus, mit den Schilden zu klappern und Schwerter klingen zu lassen. Der oder die Leserin fängt an vorzublättern. Deswegen ist es so wichtig, auch oder gerade in Actionszenen in die Figur einzutauchen.

Noll rät auf seinem Blog Read to Write Stories in die Handlung einen Vergleich einzuschieben – die Hauptfigur erinnert sich zum Beispiel an etwas aus ihrer Vergangenheit – und damit die Situation emotional aufzuladen.

Barry Eisler nutzt das in Tokio Killer (Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann), um die Anspannung John Rains vor seinem ersten Auftragsmord spürbar zu machen:

Ich atmete langsam aus und ließ den Kopf von einer Seite zur anderen kreisen, hörte das Knacken der Knochen in meinem Nacken, spürte die letzten Reste Nervosität verfliegen, als wir uns dem Finale näherten. So war es schon immer gewiesen. Als Teenager hatte ich eine Zeit lang in einer Gegend gelebt, die von Schluchten durchzogen wurde, und bei einigen konnte man von den Klippen hinunter in tiefe Badeseen springen. Die älteren Kinder machten das ständig – und es sah gar nicht so hoch aus. Als ich jedoch das erste Mal dort hinaufkletterte und nach unten blickte, war ich fassungslos, wie hoch es war und erstarrte. Aber die anderen Kinder sahen zu. Und in dem Augenblick wusste ich, dass ich springen würde, ganz gleich, wie viel Angst ich hatte, ganz gleich, was passieren mochte, und irgendein Teil in mir blendete meine Wahrnehmung, keinerlei Zukunftsvorstellung, die über diese raschen Schritte hinausging. Ich erinnere mich noch, dass ich dachte, es wäre sogar egal wenn ich sterben würde.

Kawamura stand vor der Tür an einem Ende des Wagens, etwa einen Meter von mir entfernt, die rechte Hand an einem Griff an der Decke.

Wenige Minuten später ist Kawamura tot.

Dieselbe Methode – in einen Vergleich oder eine Erinnerung eintauchen – funktioniert auch mitten in der Handlung. Es ist als ob man zwischen den dicht aufeinanderfolgenden Ereignissen in Echtzeit einen Kaugummi aufbläst und für kurze Zeit ganz in diese Welt eintaucht. Bis die Zeitblase platzt und man sich wieder mitten in der Action findet.

Margaret Geraghty gibt in ihrem Buch More five-minute writing Tipps, wie man eine gute Verfolgungsjagd schreiben kann: Man nehme einen Stadtplan und platziere seine Figur am einen Ende, sein Ziel liegt auf der anderen Seite der Stadt. Jetzt denkt man sich alle möglichen Hindernisse aus, die die Figur davon abhalten, ihr Ziel zu erreichen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ira Levin lässt in seiner hochtechnisierten, standardisierten Retortenwelt seine Hauptfigur zum Beispiel auf dem Fahrrad fliehen. Was, wenn man es bedenkt, ziemlich clever ist. Ein Fahrrad braucht keinen Strom und kein Benzin, nur Muskelkraft. Und essen muss der Protagonist sowieso.

Und schließlich kann man natürlich auch Spannung erzeugen, wenn man am Anfang schon verrät, worum es geht. Die Frage ist nur noch, ob und wie das Angestrebte oder Angedrohte durchgeführt wird. Ein schönes Beispiel dafür ist die Kurzgeschichte Some of Us Had Been Threatening Our Friend Colby von Donald Barthelme, die so beginnt:

Some of us had been threatening our friend Colby for a long time, because of the way he had been behaving. And now he’d gone too far, so we decided to hang him.

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