Keine Angst vor dem deutschen Wald

Wenn sich die Macher von Radiolab beim Produzieren einer Sendung mal so richtig verrannt haben, wenn sie partout nicht mehr erkennen können, was ihnen ursprünglich an der Idee so interessant schien, wenn sie vor lauter Details den Blick auf das Ganze verlieren, wenn sie nicht mehr wissen, wo vorne und wo hinten ist, nennen sie diesen Zustand:

The German Forest (Jessica Abel: Out on the Wire)

Zauber Wald in rot und türkis.
Zauber Wald in rot und türkis.

Dazu erzählt Jessica Abel folgende Anektode:

Einer der Mitarbeiter von Radiolab wurde gefragt, ob er eine einstündige Sendung zu Wagners Ring-Zyklus machen könne. Er darauf: klar, warum nicht? Bis er dann feststellte, dass es sich um ca. sechzehn Stunden Oper handelte mit über hundert Musikern, zig Solisten plus Frauen- plus Männerchor plus plus plus.

Monate später war er immer noch nicht fertig, hatte mehrere Abgabezeitpunkte verpasst, konnte sich nicht mehr daran erinnern, was Schlaf war, und war kurz davor, den Job zu verlieren.

Klingt bekannt? Dieser Zustand ist vermutlich vielen Schreibenden längerer Werke (Roman oder Sachbuch) vertraut. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Jessica Abel bzw. die Radiomacher, die sie für ihr Buch befragt hat, halten ein paar Tipps bereit.

  • Schreibe dir selbst eine Postkarte mit deiner ursprünglichen Idee und was du daran so inspirierend fandst. Schau dir diese in Momenten der Verzweiflung an.
  • Stell dich darauf ein, dass du in Sackgassen laufen wirst. Kämpfe nicht dagegen an, sondern versuch einfach schnell wieder rauszukommen.

Brian Kitely empfiehlt in seinem Buch 3 am Epiphany eine Art Fragestunde zum eigenen Roman:

Formuliere zwanzig Fragen zu dem Teil deiner Geschichte, der dir Zahnschmerzen bereitet. Denk dir ungewöhnliche, vielleicht auch verstörende Fragen aus. Beantworte anschließend die Fragen ehrlich und mit Fantasie (meine sinngemäße Übersetzung).

Und schließlich hilft es immer, in einfachen Worten aufzuschreiben (oder auf Karteikarten zu notieren), was man schon alles über die eigene Geschichte weiß. Es ist in der Regel mehr, als man denkt. Das wiederum beruhigt ungemein und löst die Gefrierstarre angesichts der vielen Bäume, sodass man den Wald wieder erkennen kann.

Wer sich zumindest virtuell trotzdem mal so richtig im Wald verlaufen will, dem sei Year Walk von Simogo empfohlen.

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