Was Froschlaich mit Knöpfen gemeinsam hat

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, aber in einer Geschichte, gibt es nur Worte, um ein Bild auszudrücken. Wie erzeuge ich also mit weniger als tausend Worten Bilder im Kopf des Lesers bzw. der Leserin?

Fotolia_106526183_Subscription_Monthly_M_mikrograul

Alexander Nitzberg hat dem Thema Bilder in seinem Lyrik Baukasten ein ganzes Kapitel gewidmet (siehe auch 10 Regeln für die Bilder der Dichter). Er betont, dass ein Bild immer konkret ist.

Fragt sich der Leser, wie das [das Bild] gemeint sein könnte, ist das ein sicheres Zeichen für das misslungene Bild.

Sein Vorschlag lautet, mit einer einfachen Analogie zu beginnen, als noch Ähnlichkeiten zwischen dem Ding, das ich betrachte, und dem Bild, mit dem ich es verknüpfe, zu suchen. Das kann auf drei Ebenen geschehen

  • Ähnliche Form (Augen: Kreis, z.B. Tümpel, Wasserstrudel etc.)
  • Ähnliche Beschaffenheit (Augen: glibberig, z.B. Froschlaich)
  • Ähnliche Funktion (Augen: sehen / nicht sehen, z.B. Verdunkler, Kameras)

Neil Gaiman hat einen ganzen Roman geschrieben, in dem Augen mit Knöpfen gleichgesetzt und ersetzt werden.

Rebecca McClanahan schlägt folgende Übung vor, um die kreative Hirnhälfte zu aktivieren:

Man notiere auf Karteikarten konkrete Substantive und Verben, sinnliche Adjektive (also alles, was man wahrnehmen kann) und mische sie dann. Dann zieht man zwei bis drei Karten und versucht, eine Verbindung herzustellen, also eine Metapher, einen Vergleich oder eine Redewendung.

Wem das Aufschreiben zu mühsam ist, kann sich auch des kleinen, aber recht gewieften Programms WriteSparks! Lite bedienen. Das gibt es hier zum Runterladen. Es ist zwar auf Englisch, aber das macht meiner Meinung nach gerade den Reiz aus. Man kann sich von den „Mixed Metaphors“ zu eigenen Metaphern (auf Deutsch) anregen lassen. Schon alleine das Übersetzen bringt interessante Einsichten. Zwei Beispiele:

A slice of laughter => Ihr Lachen bohrte sich unter seine Haut wie ein Spreißel; Ihr Lachen traf ihn wie ein Granatsplitter

A fistful of yearning => Sehnsucht in der Faust

Vielleicht noch nicht das Gelbe im Metaphernei, aber zumindest ein Anfang, auf den ich sonst nicht gekommen wäre.

Die nächste Stufe der Metaphern-Perfektion erklimmt man, wenn die gewählten Bilder die Handlung oder die Figurenzeichnung unterstützen.

Das ist meiner Meinung nach Lou A. Probsthayn in seinem Roman Der Benutzer sehr gut gelungen:

Denn wieder einmal hat Timo Beil es getan, eine Woche im Abseits von der Welt zu leben. Er hat sich einfach abgeschlossen, ein Einschluss auf Zeit. Das ist ihm ein Fest, die absorbierte Welt in ihm zu entgiften. Und sich von den Menschen zu entschlacken. Toxine aus Gesprächen in seinem Kopf auszuwaschen. Er muss immer wieder den Timo Beil regenerieren. Erst nach diesem Aufenthalt in Timo Beil steigt auch wieder der Hunger auf das Außen. Dann ist wieder ‚Nichts ist unmöglich‘.

Probsthayn deutet die Begriffe entgiften, entschlacken, auswaschen, regenerieren um und führt so den Leser in wenigen Sätzen in der Denkwelt des Protagonisten ein.

Ein Händchen für punktgenaue Adjektive hat die schottische Autorin Louise Welsh. Hier zwei Zitate aus The Cutting Room (Deutsch: Dunkelkammer):

Her hair, though sparse, was set in stiff egg-white curls (Also in etwa: eischneesteife Locken)

Black hair scraped back from her face, pale skin, lips painted torture red (Folterrote Lippen)

Und zum Schluss noch ein Zitat von der großartigen Zeruya Shalev aus ihrem Roman Mann und Frau (übersetzt von Mirjam Pressler), die mit ihrer luftig-leichten Beschreibung einen ganz besonderen Effekt erzielt:

[Ich] betrachte den schönen Tag, der sich mit goldener Luft schmückt, ein leichter Wind führt einen Haufen Blätter spazieren, sammelt hinter sich die Reste bunter Blumen, Honigwolken schmeicheln sich sehnsüchtig ein.

Wunderbar. Und dann geht es so weiter:

Schon immer habe ich solche Tage gehaßt.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern nur den ersten Teil dieses Zitats.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s