Heute ultrakurz

Die Literaturzeitschrift Asphaltspuren schreibt regelmäßig Blitzaktionen aus, in denen sie ultrakurze, meist auf 100 Wörter begrenzte Geschichten sucht. Häufig gibt es eine zusätzliche Vorgabe wie z.B. aktuell zum Thema Schlaf keine As und Äs zu verwenden.

Backpack and school supplies on wooden background, close up. Top view.
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Jetzt hat die Redaktion die besten Einsendungen in der ersten Edition Rucksack als e-Book herausgebracht.

Bei den 100-Wort-Krimis geht es erstaunlich oft um

  • Alte, die sich für etwas revanchieren
  • Geschichten aus Hundeperspektive
  • Geschichten beim Einkaufen

Bei den 8 Sätzen über die Nacht kommen dafür wesentlich mehr Studenten vor.

Ich habe mich beim Lesen an den Kriterien von Kelly Luce orientiert, die Hunderte von Kurzgeschichten für den O’Henry Preis sichtete (12 Things I Noticed While Reading Every Short Story Published in 2014-15).

Luce empfahl alle Geschichten weiter, die in Bezug auf

  • Die Handlung
  • Die Sprache
  • Die Erkenntnis (insight)

spannend oder außergewöhnlich waren.

Eine sehr originelle Variante des 100-Wort-Krimis schrieb zum Beispiel Birgit Jennerjahn-Hakenes mit Der Tropfen auf den kalten Stein. Sie beschreibt das Leben aus Sicht eines Regentropfens. Auch ein Zeitparadoxon lässt sich in 100 Worten unterbringen (Entwischt von Johann Seidl).

Für Michael Köhler ist die Nacht ein Messer (Ohne Titel) und Stefan Müser hat krisenzonengefütterte Alpträume (Ohne Titel). Bei Astrid Spiegel wird es Nacht im Tangorhythmus (Es wird Nacht).

In den letzten beiden Ausschreibungen von Asphaltspuren ging es um ein rotes Sofa und die spannende Frage „Warum ich keine Regenwürmer esse.“

Eine ganz eigene Welt erschafft Friedhelm Lövenich in Macht und Ohnmacht. Eine Vorgarten-Fabel und auch die Metafiktion fehlt nicht mit Wolfgang Stocks „Brief“ an die Liebe Redaktion.

Mit Ultrakurzem gan anderer Art, nämlich mit Texten in Twitter-Länge, wartet Sean Hill auf (@VeryShortStory). Leser schlugen ein Substantiv vor und Hill zwitscherte dazu eine Geschichte.  Heraus kamen 300 Bite-Size Works of Fiction.

Es ist erstaunlich, welche Einsichten in die menschlichen Abgründe Hill mit so wenigen Zeichen gelingt:

Sheila liked Ken in the same way she liked a Filet-O-Fish sandwich when she was thinking of lobster. He was right here, right now.

Oder auch:

Read your diary, discovered your secret. I thought I loved you, but now I’m not so sure. Don’t know what to do, you look so human.

Gerade weil Hill das Geheimnis nicht nennt, wirkt die Geschichte doppelt:  Jede Leserin bzw. jeder Leser kann sich die eigenen Schrecken ausmalen.

Wer seine Schrecken wirklich einmal gemalt bzw. gezeichnet sehen möchte, kann sich an deep dark fears wenden. Sie (oder er) veröffentlicht auf Instagram regelmäßig die Ängste ihrer Leser als 2×2 Comic.

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