Noch Lyrics oder schon Lyrik?

In Leipzig fand vor Kurzem eine Tagung Über Songtexte und ihr Verhältnis zu Gedichten statt. Wie Jan Wiele von der FAZ sehr schön beschrieb, gab es Unbehagen und Berührungsängste auf beiden Seiten: von den Vertretern der E-Literatur, also den Literaturwissenschaftlern, in Richtung U-Literatur und Songtexte sowie umgekehrt. Die einen, so die Befürchtung, blicken auf alles Unorthodoxe hinab, die anderen verlieren ihre Coolness, wenn sie plötzlich textkritisch zerpflückt werden.

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Um es mit den Red Hot Chili Peppers zu sagen, gilt von Lyrik in Richtung Anhänger der Popmusik vielleicht:

If you see me getting mighty
If you see me getting high
Knock me down
I’m not bigger than life

Und in umgekehrte Richtung, von Songtexten Richtung Literaturkritik:

I’m tired of being untouchable
I’m not above the love
I’m part of you and you’re part of me

Darüber hinaus wurde die Frage diskutiert, in wieweit man Songtexte losgelöst von der Musik betrachten kann. Ein bisschen ist das wie beim Drehbuch, das entfaltet – im Idealfall – seine ganze Größe erst beim Schauspielern. Als Beispiel dafür sei Das Piano von Jane Campion genannt. Ich war tief beeindruckt, was die Schauspieler aus dem doch eher dürren Drehbuch herausgeholt haben. Trotzdem kann man natürlich auch Songtexte, genau wie ein Drehbuch, für sich betrachten. Und sich dann nochmal neu begeistern lassen, wenn man es vertont hört.

Die ganze Diskussion Noch Lyrics oder schon Lyrik? wirft natürlich die Frage auf, was ein Gedicht ist. Die minimalistische Definition lautet:

Text in Versen

Der Mondmann hat diese Definition auf derFreitag etwas aufgebohrt und erklärt sehr unterhaltsam, was ein Gedicht zum Beispiel von einem Werbeplakat oder einem Verbotsschild unterscheidet. Sein Fazit

[…] man erkennt ein Gedicht, wenn man’s vor sich sieht, weil man weiß, dass der Dichter die Absicht hatte, eins zu schreiben.

Da stellt sich die Frage, ob eine Band, die kein Gedicht schreiben will (weil uncool), aber einen Text in Versen, trotzdem ein Gedicht verfasst hat.  Und wenn die Coolness so wichtig ist, ob dann nicht gilt, was Christina Perri in Jar of Hearts besingt:

You’re gonna catch a cold
From the ice inside your soul

Im Forum der Zeitschrift Rolling Stones gibt es übrigens eine Liste der besten deutschsprachigen Songtexte. Und wer sich selbst mal an Songtexten versuchen will, kann sich hier schlau machen.

 

Kurzer Nachtrag.

Heute (4.7.2016) in der FAZ anlässlich des Brexit ein schönes Beispiel für Lyrik-Lyrics der Schriftstellerin und Rapperin Kate Tempest:

Age is a pervert. Youth is a facist (Alt ist ein Perverser. Jung ist ein Faschist)

Ihr Gedichtsband „Hold Your Own“ ist soeben bei Suhrkamp erschienen. Die Übersetzung ist von Johanna Wange.

 

 

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Noch Lyrics oder schon Lyrik?

  1. Warum nicht auch „Noch Lyrik oder schon lyrics?“ Oder warum überhaupt gegeneinander ausspielen? Beides hat seine Qualität – und so, wie es gute und schlechte Lyrik gibt, gibt es gute und schlechte Songtexte.

    1. Ich bin da ganz bei dir. Ich halte auch nichts von einem zwanghaften Einsortieren in U und E. Eigentlich wollte ich das mit dem Beitrag rüberbringen. Scheint nicht ganz geklappt zu haben.

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