Das unzuverlässige Ich

Damit meine ich nicht die Tatsache, dass ich erst heute meinen Beitrag für diese Woche poste. Ich spreche hier von dem Ich-Erzähler, dem man nicht so recht trauen kann.

two women drinking coffee, colorful world of unreal objects around them, raster illustration over a blue background
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Der unzuverlässige Ich-Erzähler findet sich in Klassikern wie The Good Soldier von Ford Madox Ford (dt.: Die allertraurigste Geschichte) ebenso wie in zeitgenössischen Roman wie z.B. Libidissi von Georg Klein.

In der Horror-Literatur ist er gewissermaßen Programm, denn nichts kann mehr unseren Glauben an die Wirklichkeit erschüttern, als ein (gut gemachter) an der Realität der Ereignisse zweifelnder Ich-Erzähler. Oder wie Minsoo Kang in Sublime Dreams of Living Machines ausführt:

Horror […] occurs in reaction to something that disturbs us psychologically, as in a categorical anomaly that could potentially undermine our grasp of reality.

In etwa: Horror entsteht als Reaktion auf etwas, das uns psychologisch verstört wie zum Beispiel etwas, das nicht in bestehende Kategorien passt und so unser Verständnis von der Wirklichkeit untergraben könnte

Was zeichnet diesen Ich-Erzähler aus und wie „stricke“ ich ihn mir als Autor bzw. Autorin?

Nach James Phelan kann man drei Dimensionen der Unzuverlässigkeit unterscheiden (siehe auch einen früheren Beitrag hier):

  • (Absichtlich) falsches oder unvollständiges Berichten
  • Fehlerhaftes Deuten der Ereignisse
  • Zweifelhaftes Bewerten der Ereignisse

In die erste Kategorie fällt das klassiche Lügen aber auch das Auslassen von Dingen aus Unwissenheit. Lügen durch Auslassen ist quasi die Spezialität des japanischen Krimiautors Keigo Higashino. Er füttert seine Leser so geschickt mit Wahrheitshäppchen, dass diese sich eine Geschichte zusammenreimen, die nur einen Schluss übrig lassen: Das ist unmöglich. Wie der Autor dann das Rätsel auflöst, ist ein großer Teil des Lesegenuss (z.B. in Verdächtige Geliebte oder Böse Absichten).

Im Falle des oben erwähnte Good Soldiers, erkennt der Erzähler erst rückblickend, was sich all die Jahre vor seiner Nase zwischen seiner Frau und seinem vermeintlich besten Freund abspielte. In Der Immoralist von André Gide hat der Ich-Erzähler auch rückblickend Schwierigkeiten sich die Wahrheit einzugestehen, nämlich seine eigene Homosexualität. Der Leser weiß längst Bescheid und will den Erzähler fortwährend ermutigen, sich seine sexuelle Ausrichtung doch endlich einzugestehen.

In die Kategorie Zweifelhaftes Bewerten fallen Ich-Erzähler, die zunächst vielleicht die Sympathie des Lesers erwecken, bei denen aber nach und nach klar wird, dass sie einer gänzlich anderen – in der Regel nicht vom Leser getragenen – Norm folgen. Wenn zum Beispiel Gregor Samsa eines Morgens aus seinen unruhigen Träumen als Käfer erwacht und sich fragt:

„Was ist mit mir geschehen?“ […]. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden.

Dann verrät des Wort „Menschenzimmer“, dass Gregor Samsa bereits in diesem Moment aus der Perspektive eines Käfers spricht und nicht länger Mensch ist. Die Verwandlung seines Äußeren ist gewissermaßen nur Nachklapp.

Die Sache mit dem unzuverlässigen Erzähler funktioniert allerdings nur, wenn die Leserin oder Leser die Unzuverlässigkeit bemerkt. Dafür gibt es eine Reihe von Techniken sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene:

  • Abschwächen des Wirklichkeitsgehalts (Modalisation) durch entsprechende Verben („es schien mir“, „es war mir als ob“) und Begriffe („vielleicht“, „scheinbar“)
  • Grammatische Zerrüttung durch bewusstes Abbrechen mitten in einer Rede oder einem Gedanken, um den Erzähler diskreditieren und als verwirrt oder sogar verrückt darzustellen („Meinen Namen- Richard Bracquemeont, Richard Bracquemont, Richard –  – o, ich kann nicht mehr weiter“, Hanns Heinz Ewers: Die Spinne)
  • Widersprüchliche Aussagen des Ich-Erzähers
  • Eine Rahmenhandlung, die die Geschichte des Ich-Erzählers in Frage stellt

Und wie ein unzuverlässiger Erzähler zur Steigerung der Aufmerksamkeit in den Medien eingesetzt werden kann, kann man hier nachlesen.

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