Was eine Autorin von einem Dandy lernen kann

Es lohnt sich hin und wieder ĂŒber den Zaun des eigenen Schaffens zu blicken. Die FAZ hat eine neue Serie begonnen, in der es darum geht, was gute Kunst ausmacht. In jedem Beitrag stellt ein hauptberuflich mit Kunst BeschĂ€ftigter entweder

  • Ein gutes Bild eines schlechten KĂŒnstlers
  • Oder ein schlechtes Bild eines guten KĂŒnstlers

vor. Ich finde ja, objektive Kriterien fĂŒr gute Kunst zu definieren, ist noch schwerer, als dies fĂŒr Literatur zu tun. Immerhin kann man bei Literatur ĂŒber die Grammatik mĂ€keln oder auf abrupte Perspektivenwechsel hinweisen. Deswegen habe ich mir angeschaut, welche Kriterien die Autoren der Serie verwenden und versucht, diese auf die Literatur zu ĂŒbertragen. Die Serie lĂ€uft noch. Im Folgenden daher nur eine erste Zwischenschau.

Fotolia_87473794_S_Alexey_Rotanov

Den Anfang macht Daniel Birnbaum, der Direktor des Moderna Museet in Stockholm, mit dem guten Bild eines schlechten KĂŒnstlers. Er stellt „TrĂ€ume und Phantasien 1“ vor, ein Aquarell des schwedischen Malers Nils Dardel – in den Worten Birnbaums: „Der Dandy aus der obersten Liga.“

Brinbaum bescheinigt dem Maler, seinen eigenen Stil zu haben. Es gebe dafĂŒr im Schwedischen sogar einen eigenen Namen, den „Dardelismus“. Dieser Stil besteht laut Birnbaum aus

einer eigentĂŒmlichen Mischung von Surrealismus und mĂ€rchenhafter Phantasie, oft mit makaberen Bestandteilen

Mangelnder Stil ist also noch kein hinreichendes Kriterium fĂŒr schlechte Kunst oder umgekehrt formuliert: auch mit eigenem Stil kann man schlechte Bilder produzieren.

Mit diesem Stil passt Dardel „nicht richtig in die Zeit“. Trotzdem oder gerade deswegen, sagt Birnbaum, sind solche

exzentrischen, vielleicht auch dekadenten KĂŒnstler […] – ein wenig neben der Gegenwart, ohne komplett in ihre aufzugehen und sich ihr anzupassen – […] fĂŒr neuere Generationen oft ergiebigere Quellen der Inspiration als die großen Pioniere, die kaum mehr in Frage gestellt werden können.

Das mag ein Kriterium fĂŒr die Bedeutung eines KĂŒnstlers sein, als Kriterium fĂŒr gute Kunst scheint mir allerdings „Quelle der Inspiration“ nicht auszureichen. Schauen wir uns also an, welche Kriterien im nĂ€chsten Beitrag Verwendung finden.

Da geht es um das „LĂ€cheln der Königin“, genauer gesagt eine PortrĂ€taufnahme von Queen Elizabeth II. und Prince Philipp. Charlotte Klonk, Professorin fĂŒr Kunst und Medien an der Humboldt UniversitĂ€t, erlĂ€utert, warum sie Thomas Struths Fotografie fĂŒr gescheitert hĂ€lt. Ihr fehlt eine

„ĂŒber die Projektion hinausgehende Dimension“.

Auch öffne Struths PortrĂ€t keine „Raumfluchten, die dem PortrĂ€tierten historische Tiefe geben“.  Die Fotografie sei zu „affirmativ“, um gute Kunst zu sein. In anderen Worten: Der Subtext, das Mehrschichtige, das RĂ€tsel fehlt. Mit Sicherheit ist das ein Kriterium, das man auch auf das Schreiben ĂŒbertragen kann.

LĂ€sst der Text LĂŒcken, das heißt Raum fĂŒr den Leser oder die Leserin, sich selbst ein Bild zu machen? Oder wird alles im Wortsinne ausbuchstabiert, jeder Gedanke ettiketiert, jeder Zweifel ob der Motivation oder GefĂŒhlslage der Figuren ausgemerzt? Von der „Queen“ lĂ€sst sich also lernen, egal ob Autorin oder Autor.

 

Alle BeitrÀge dieser Serie:

  1. Was eine Autorin von einem Dandy lernen kann
  2. Von zwei linken FĂŒĂŸen und einer Punktlandung
  3. Wenn der Scharfrichter zu lange zögert
  4. Keine laue Mondnacht

 

Advertisements

3 Gedanken zu “Was eine Autorin von einem Dandy lernen kann

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ă„ndern )

Verbinde mit %s