Schöne Worte horten

Es ist Sommer, vielen haben Urlaub, Zeit also, das Leben zu genießen. Was passt da besser, als in schönen Worten zu schwelgen. Und schöne – oder vielleicht treffender – beeindruckende, weil so präzise beschreibende oder bedeutungsschwere Worte – finden sich überall. Zum Beispiel im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB):

  • Einrede – was nichts mit „Jemanden solange zudröhnen, bis er einknickt“ zu tun hat – sondern damit, die Durchsetzung eines Rechts zu hindern, auch rechtshemmende Einwendung genannt. Dazu passend die
  • Hemmung – die wiederum nichts mit persönlichen Präferenzen oder Schwierigkeiten zu tun hat, sondern die Hinderung eines Geschehens oder Ablaufs darstellt oder
  • Gesamthandsgemeinschaft – bezeichnet umgangssprachlich eine Gruppe von Personen, denen etwas gemeinsam gehört

Definitiv Top of the Charts ist allerdings die Dunkelnorm – eine Norm, die nicht angewendet wird.

Eiermann.Hortenkacheln.wmt
Die Hortenkacheln von Egon Eiermann (ehemaliges Hortenhaus, Hamburg, Mönckebergstraße 2) von Wolfgang Meinhart, Hamburg.

Rezensionen sind ebenfalls eine gute Quelle für ausgesprochen gelungene Formulierungen. So zum Beispiel in der Besprechung von Markus Krajweskis Bildband über die Fassaden deutscher Nachkriegsarchitektur und die „Verkachelung der deutschen Innenstädte“ mit dem grandiosen Titel:

Die Verschweinung des Lebens durch Keramik

Der Architekturkritiker Michael Mönninger spricht im weiteren Verlauf seiner Rezension vom „bis zur Selbstauslöschung gehenden Waschzwang“ und von

seelentötenden Lochfassaden […], bei denen das muffige Schwitzwasser aus allen Gummidichtungen quillt

Ich kann das alte Hortenkaufhaus förmlich vor meinen Augen sehen.

Das Buch empfiehlt Mönninger übrigens nur bedingt. Wenn es um Architektur geht, argumentiere der Autor mit „feuilletonistischem Witz“. Sobald Krajewski aber Historisches oder Philosophisches behandle, schlage das in „kenntnisfreie Besserwisserei“ um.

Oder, vielleicht ganz hilfreich für Urlauber, falls sie sich in eine finstere Gasse verlaufen: Mehmet Atas (@MehmetAta82) „Fünf Techniken zum verbalen Straßenkampf“. Das spielt sich zwar mehr auf der semantischen Ebene ab, ist aber trotzdem instruktiv. Zum Beispiel Atas Anleitung für einen gekonnten „Was-Kontor“.

Jemand quatscht dich schräg an.

Ey, du siehst ja scheiße aus!

Dann, so Ata, setzt man einfach nur ein „Was“ davor und wiederholt den Satz.

Was ich sehe scheiße aus?

Oder noch besser:

Was scheiße aussehen?

Das verschafft Luft zum Nachdenken und vor allem letztere Variante irritiere dein Gegenüber, da keine echte Frage. Der andere muss erst mal nachdenken, was damit gemeint ist.

In diesem Sinne wünsche ich gelungenes und provokationsfreies Wörterhorten und würde mich natürlich über Kommentare zu euren Lieblingswörtern und aufgeklaubten Sprachschätzen freuen.

Weitere Beiträge in dieser Serie: Schöne Worte verorten

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3 Gedanken zu “Schöne Worte horten

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