Von zwei linken Füßen und einer Punktlandung

Es geht weiter mit der Kunstserie der FAZ. Zur Erinnerungen: Kulturschaffende besprechen jeweils das gute Bild eines schlechten Künstlers oder das schlechte Bild eines guten Künstlers. Ich versuche daraus Kriterien für gute Literatur abzuleiten. Dabei hat sich bisher Folgendes herauskristallisiert

  • Guter Stil allein reicht nicht aus, um gute Kunst zu schaffen
  • Lücken lassen macht Texte interessanter

Great for textures and backgrounds for your projects

In der Zwischenzeit gibt es drei weitere Bildbesprechungen in der Serie

Das bekannte Gemälde von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein stellt Felix Krämer vom Städel Museum  vor. Obwohl das Bild sich auf unzähligen T-Shirts, Kaffeetassen, Mousepads findet, von Postern und Postkarten ganz zu schweigen, ist der Maler selbst in Vergessenheit geraten. Das mag auch daran liegen, dass – wie Krämer sagt – viele Porträts des Oldenburger Hofmalers

merkwürdig unbeholfen und steif wirken […] und auch seine Landschaften und Stillleben bleiben leblos.

Bei genauer Betrachtung des Bildes fallen nicht nur die „anatomischen Merkwürdigkeiten der Figur“ auf, nämlich die Tatsache, dass Goethes linkes Bein sehr lang ist und nicht recht zur Position des Oberkörpers passen mag. Der Dichter hat auch zwei linke Füße. Krämer bezweifelt, dass Tischbein keine rechten Füße malen konnte und weist darauf hin, dass auch keiner der Zeitgenossen sich darüber mokiert hat. Vielmehr vermutet Krämer, dass „eine fremde, unerfahrene Hand“ das unvollendete Bild fertig gemalt hat. Gerade dieser Gegensatz von handwerklichem Fehler und bildhafter Überhöhung des Dichtermotivs gefällt Krämer. Er sagt weiter

Während im Paris im Louvre über das unergründliche Lächeln von ‚Mona Lisa‘ gegrübelt wird, sind es im Frankfurter Städel Museum die zwei linken Füße Goethes, die den Besucher zum Rätseln bringen.

Das regt die Fantasie an, kein Zweifel. Ich würde trotzdem als Autorin oder Autor davon absehen, absichtlich grammatikalische Fehler in meinen Text einzubauen.

Im nächsten Beitrag erläutert Hans Ulrich Gumbrecht, Romanist und Literaturwissenschaftler, warum er Jackson Pollocks „Portrait and a Dream“ für das schlechte Bild eines guten Künstlers hält.

Pollock ist heute vor allem für sein „Action Painting“ bekannt. Mit dieser Spritz- und Tropftechnik (drip painting) vollzog er, so Gumbrecht, wie auch andere Maler seiner Zeit den „Schritt in die Gegenstandslosigkeit“, „in die große Abstraktion“. „Portrait and a Dream“ rückt von dieser Technik wieder ab und entstand – ganz klassisch – an der Staffelei.

Das Bild zeigt ein kubistisch angehauchtes Portrait auf der rechten Seite und „den Traum“, ein abstraktes Liniengeschlängel auf der linken. Gumbrecht missfällt, dass der „Traum“ zwar auf den ersten Blick an die abstrakten „Action Paintings“ erinnert, dann aber doch Konkretes andeutet. Ein Bein blitzt auf, ein Tierkörper krümmt sich, nur um sich bei genauerem Hinsehen wieder aufzulösen. Das Bild, so Gumbrecht, teile nicht die

Freiheit von der Welt der Dinge (Zitat des Kunsthistorikers Michael Fried)

wie Pollocks anderen, abstrakten Werke. Damit habe der Maler einen „Schritt in die Vergangenheit vollzogen.“ In anderen Worten: Das Bild wäre gut, wäre es dreißig Jahre früher erschienen. Es spielt also eine Rolle, wann eine Technik eingesetzt wird. War das Reimen zu Hölderlins Zeiten gang und gäbe, führt es heutzutage (in der Regel) zu hochgezogenen Augenbrauen – es sei denn, es gelingt damit etwas wirklich Neues zu erschaffen.

Es geht weiter mit Pollock bzw. dem an Pollock erinnernden Bild von Norman Rockwell. Der Maler und Illustrator ist jedem Amerikaner ein Begriff. Hierzulande ist der Künstler vermutlich am ehesten für die pausbäckigen Kinder auf Kelloggs-Blechdosen und dem Frühstücksgeschirr des Cornflakes-Herstellers bekannt. „Avantgarde und Kitsch“ betitelte der Kunstkritiker Clement Greenberg dann auch einen Essay, in dem er Rockwell das „kapitalistische Pendant“ zum russischen Sozialen Realismus nannte.

„Sein Dripping ist gar nicht so übel“, meint Georg Imdahl, Professor an der Kunstakademie in Münster, in seinen Beitrag über Rockwell. Das Bild, das Imdahl begeistert, nennt sich „The Connoisseur“ und stellt einen Herrn mit Hut und Regenschirm dar, der sich ein bunt bespritztes und betropftes Gemälde betrachtet. Das, so Imdahl, hätte Pollock nicht schöner malen können. Es handelt sich also um ein Bild im Bild mit einem distantierten Betrachter davor (und dem Leser des Artikels hinter der Zeitung). Rockwell gelingt es – so Imdahl –

eine besondere Mischung aus Respekt und Distanz gegenüber der modernen Kunst

darzustellen und damit die „kunstsoziologische Analyse“ der Zeit genau auf den Punkt zu bringen.

Eine Einsicht in Worte zu destillieren und so zu formulieren, dass sie sich für die Leser erschließt – das ist ein lohnenswertes Ziel für jeden Schreibenden.

 

Alle Beiträge dieser Serie:

  1. Was eine Autorin von einem Dandy lernen kann
  2. Von zwei linken Füßen und einer Punktlandung
  3. Wenn der Scharfrichter zu lange zögert
  4. Keine laue Mondnacht

 

 

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8 Gedanken zu “Von zwei linken Füßen und einer Punktlandung

  1. Mir stellt sich da immer die Frage, was einen eigentlich zum Kritiker qualifiziert. Oft denkt man ja gerade beim Anblick gegenstandslos Bilder ‚Pöh, kann doch jeder‘, aber wenn man es selbst versucht, stellt man schnell fest, dass es gar nicht so einfach ist.

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