Leise Töne, großes Drama

Wenn in einer Rezension über einen Roman gesagt wird, er komme „in leisen Tönen“ daher, übersetze ich das häufig in: viel Nabelschau, minimale Handlung, eine Art Kammerspiel ohne die Dialoge. Das ist natürlich vorschnell geurteilt, vor allem, wenn ich das Buch noch gar nicht gelesen habe. Dass es auch anders geht, dass in leisen Tönen Bewegendes und durchaus Spannendes beschrieben werden kann, zeigt meiner Meinung nach niemand besser als William Trevor.

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Trevors Kurzgeschichten handeln durch die Bank von Lebensdramen, die sich an den kleinen Dingen, den kleinen Gesten festmachen. Da ist zum Beispiel der geschiedenen Vater, der sich mit jedem Glas Gin mehr einredet, seine Frau komme wieder zu ihm zurück. Oder der General A.D., der in typischer Manier älterer Menschen mit viel Zeit und wenig zu tun, gerne ausführliche Schwätzchen hält. Die Dorfbewohner gehen ihm deswegen zunehmend aus dem Weg. Als selbst alte Freunde sich verleugnen lassen, fasst er sein ganzes Elend so zusammen:

My God Almighty, I could live for twenty years.

also sinngemäß: „Allmächtiger, mit etwas Pech muss ich noch zwanzig Jahre durchhalten“. Das nächste Mal an der Kasse oder im Bus also: einem einsamen älteren Menschen einfach fünf Minuten Zeit schenken.

Wie macht das William Trevor, wie gelingt es ihm, ohne theatralische Gesten, ohne melodramatisch aufgeblähte Sprache, die existenziellen Konflikte im Leben seiner Figuren so gut zu treffen?

Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass Trevor entgegen dem Mantra „Show – don’t tell“, sowohl „Tell“ als auch „Show“ verwendet. In der Geschichte „Ein Abend zu zweit“ aus dem Erzählband „Seitensprung“, übersetzt von Brigitte Jakobeit, trifft sich eine Frau, Anfang 50, alleinstehend, mit einem Mann in der Bar eines Theaters. Die Erzählung wechselt zwischen den Perspektiven der beiden und zieht einen Großteil ihrer Spannung daraus. Evelyn sucht Gesellschaft und erwartet ein gewisses Maß an Ehrlichkeit. Jeffrey hingegen, ein gescheiterter Fotograf, sucht jemanden mit Auto, der bereit ist, ihn und seine Fotoausrüstung quer durch London zu kutschieren und einfache Handlangerarbeiten zu erledigen.

Nach und nach wird den beiden klar, dass sich ihre jeweiligen Erwartungen nicht erfüllen werden. Trotzdem verbringen sie einen erstaunlich angenehmen Abend zusammen. Irgendwann lässt sich Jeffrey zu dem Eingeständnis seines beruflichen Scheiterns hinreißen und Evelyn gleitet ins Alberne ab:

Von den Fotos, für die er sich schämte, hatte er ihr nur erzählt, weil sie ihm nichts bedeutete; das nahm sie ohne Groll zur Kenntnis. Und dass er ihren Ausrutscher ins Alberne bemerkt hatte, störte sie nicht, weil auch er ihr nichts bedeutete.

Traurig, sollte man meinen. Doch auch das ist typisch für Trevor William. Er gewinnt selbst solchen Momenten etwas Tröstliches ab. So sagt der Erzähler am Ende der Geschichte:

Sie schüttelten sich weder die Hand noch fielen irgendwelche Bemerkungen über den gemeinsamen Abend, doch als sie auseinandergingen, gab es eine kleine Überraschung: Dass sie einander benutzt hatten, war von größerer Würde als alles, was ihrer Begegnung hätte folgen sollen.

Also gerade in dem Eingeständnis ihrer beider gegenläufigen Interessen und dem Akzeptieren desselben lag mehr Würde als in dem Vortäuschen einer Verliebtheit, die nicht existiert. Ein klarer Fall von „Tell“. Aber damit hört Trevor nicht auf. Es folgt ein „Show“:

Dieses Gefühl war noch vorhanden, als sie auf zwei verschiedenen Bahnsteigen warteten und ihre Züge ankamen und wieder abfuhren. Und es klang noch nach, als sie durch die flackernden Dunkelheit getragen wurden, so intim wie gemeinsam erlebte Lust.

Trevor zeigt konkret (Züge kommen an und fahren ab), wie dieses Gefühl der Würde den beiden anhaftet. Mehr noch, er nutzt ein weiteres konkretes Bild (nachklingen, flackernde Dunkelheit), um es sogar noch weiter zu erhöhen (gemeinsam erlebte Lust).

In der titelgebenden Geschichte „Der Seitensprung“ geht es um die Affäre von einem verheirateten Mann mit einer zunächst verheirateten, dann geschiedenen Frau. Eines Tages beendet er die Beziehung. Noch bevor er sich selbst darüber klar ist, dass und warum es zu Ende ist, mutmaßt sie über mögliche Gründe:

Die Scheidung war der Grund, vermutete sie; letztlich konnte er doch nicht akzeptieren, was sie getan hatte. Sie konnte sich gut vorstellen, wie er nachts wach lag, immer häufiger in letzter Zeit, immer länger, und sich durch die Scheidung in die Enge getrieben fühlte. Wie er den Atem seiner Frau hörte, ihr Murmeln im Traum, und eine Hand fasste, die unwillkürlich ausgestreckt wurde. Wie er zusah, wenn die Dunkelheit dem Licht wich, erst nur in schmalen Streifen an den Rändern der Vorhänge, durch die hin und wieder streunende Katzen kamen.

Auch hier verfährt Trevor nach demselben Prinzip: erst „Tell“ (Scheidung war der Grund), dann „Show“ mit sehr konkreten und spezifischen Details (Atem der Frau; Vorhänge, durch die streunende Katzen kommen). Diese Technik führt dazu, dass man als Leserin oder Leser zum einen versteht, worum es geht, und es zugleich miterlebt. Dieses zweifache Erfassen, erst mit dem Kopf, dann mit dem Herzen, verdoppelt gewissermaßen die Wirkung.

Nach demselben Prinzip lässt Trevor die Geschichte enden:

Als sie sich umarmten, spiegelte sich ihr Bild im Schaufenster eines Kaufhauses wider. Sie sahen nicht die Eleganz, die dieses Bild vorübergehend einfing, und hätten nie behauptet oder geahnt, dass auch ihre Affäre diese Eleganz besessen hatte. Die unausgesprochenen, aber von beiden verstandenen Regeln ihrer Liebe waren nicht verletzt worden im schmerzhaften Beenden dessen, was nicht zu Ende war und nie zu Ende sein würde. Nichts von ihrer Liebe war heute ausgelöscht worden: Das nahmen sie mit, als sie sich trennten und auseinander gingen, nicht ahnend, dass die Zukunft weniger düster war, als sie augenblicklich schien, dass ihre zarte Behutsamkeit weiter Bestand haben und sie selbst immer so bleiben würden, wie die Liebe sie für eine Zeit gemacht hatte.

Leise Töne, aber großes Drama!

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