Sprache zwischen Befremdung und Befruchtung

Katharina Herrmann vom Kulturgeschwätz besprach letzte Woche den Roman „Broken German“ von Tomer Gardi. Der Titel ist hier Programm. Der Roman beginnt folgendermaßen:

Drei Kinder steigen von eine U-Bahn aus. Eine heisst Amadou, eine Radili, eine heisst Mehmet. Es ist Sommer. Im U-Bahn steht Mehmet, sein Hand hochgestreckt, hält sich zum Stange. Er hat schwarzes Haar unter sein Arm und sieht, stolz, wie Radili es anschaut. Radili ist dreizehn und Mehmet schon vierzehn und er fragt sich selbst, Radili, wann es bei ihm auch schon anfangen wird mit dem Haar […]. Von selben Ausgang den selben U-Bahn Station steigen von tiefen des betonadischen Erde fünf oder sechs Fussbal Fans aus. Die sind alle besoffen und ihr Team hat verloren.

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Der Auszug ist nicht ohne Witz und baut schnell Spannung auf, auch wenn das gefledderte Deutsch beim Lesen manchmal fast schon weh tut.

Zu meinem Erstaunen stellte ich allerdings fest, dass ich beim Lesen so etwas wie Kränkung empfand. Nach dem Motto: Ist es die deutsche Sprache nicht wert, dass sich der Autor etwas mehr Mühe mit ihr gibt? Der Sprach- und Literaturwissenschaftler Eduard Engel sagte einmal

Stil ist nie Selbstzweck, sondern hat immer zweckmäßig zu sein.

Die Frage bei einem Text wie dem von Tomer Gardi lautet also: Ist das Buch trotz oder wegen der fehlerhaften Rechtschreibung und Grammatik gut? Oder ist es einfach nur befremdlich? Katharina Herrmann findet das gebrochene Deutsch gerade gut, sie sagt

Diese Brüche irritieren den Leser, bringen ihn zum Nachdenken

und vermutet weiter, dass es eher das Bildungsbürgertum ist, dem die Sprache sauer aufstößt, denn

Es ist eben auch ein Roman, der sich gegen das etablierte Bildungsbürgertum wendet, der seine Privilegien und seine Ausgrenzungsmechanismen aufdeckt und stört.

Vielleicht. Aber nicht nur. Zumindest sagt der Schüler eines Berufkollegs und nach eigenen Angaben Playstation 4- Fan, also nicht unbedingt das, was man unter einem typischen Bildungsbürger versteht, in seiner Bewertung auf Amazon zu dem Buch

Kmama lesen so in der bus

und vergibt einen Stern.

„Broken German“ nicht der Einzige oder gar der erste Roman, der die deutsche Sprache aufmischt, um seine Botschaft besser vermitteln zu können. Wie Sandra Kegel, eine der Jurorinnen des Bachmannpreises und Redakteurin bei der FAZ anmerkte, hat schon mit Kanak Sprak ein nicht Duden-konformes Deutsch Einzug in die deutschen Feuilletons gehalten und das Standard-Deutsch befruchtet.

Auf Literary Hub schreibt Gabrielle Bellot über die Entkolonisierung des Englischen („decolonizing language“) und zitiert als Beispiel den Debütroman „Sarong Party Girls“ der singapurischen Autorin Cheryl Lu-Lien Tan. Die Autorin sagt, sie habe ihren Roman auf „Singlish“ verfasst, also in einer Melange aus Englisch und Singapurisch, weil sich ihre Lebenswelt nur so ausdrücken ließe.

Die Jury des Bachmannpreises diskutiert erstaunlich wenig über Gardis Text, dafür aber ausgiebig über den Autor und ob er der deutschen Sprache eigentlich mächtig sei (er sitzt daneben), ob es richtig war, diesen Text überhaupt zuzulassen. Eine ausführliche Diskussion hierzu findet sich in dem Beitrag auf Kulturgeschwätz.

Ich habe mir das Video von Tomer Gardis Lesung angesehen. Was für ein Unterschied! Plötzlich fängt die Geschichte an zu schweben, der falsche Dativ stört nicht im Geringsten, die Sprachstolperer gehören gerade dazu. Man will wissen, wie es mit diesem seltsamen Mutter-Sohn-Duo weitergeht, von dem der Autor in diesem Ausschnitt erzählt. Wie Hubert Winkel über die Lesung sagt

Wirklich etwas anderes ist dadurch entstanden

Bleibt noch die Frage: Kann Gardi nun eigentlich Deutsch oder nicht? Der Autor selbst sagt

Nein. […] Ich glaube, es gibt echt viele Leute, die dachten, ich kann eigentlich perfekt Deutsch und tue nur so.

Funktioniert der Text trotzdem? Da es sich in dem Text um Sprache und um Identitäten handelt, ist es zumindest nicht verkehrt, mit der Sprache und sprachlichen Identitäten zu spielen. In dem Ausschnitt, den ich bisher gelesen habe (Leseprobe) funktioniert es erstaunlich gut. Trotzdem warte ich lieber auf das Hörbuch.

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4 Gedanken zu “Sprache zwischen Befremdung und Befruchtung

  1. Hm, ob Gardi Deutsch kann im Sinne von „korrektem Hochdeutsch“ (denn Deutsch kann er ja offensichtlich, es gibt ja nicht nur eine deutsche Sprache) oder nicht, finde ich nebensächlich, auch für die Frage, ob er sein Deutsch bewusst gestaltet oder nicht. Sein Deutsch kann er und das gestaltet er bewusst.
    Übrigens, zu der Amazon-Review: Schau dir bitte mal die anderen Rezensionen von dem User an, z.B. auch zum Buch von Ronja von Rönne, ich bin mir sehr sicher, dass das ein Fake Account ist.

    1. Zweimal ja. Zur Gestaltung der Sprache, das kommt in dem WELT-Interview ziemlich deutlich raus, wie er dabei vorgeht. Zur Review: Da hast du wohl recht. Die Rezensionen klingen alle so verhackstückt.

  2. Pingback: Literatur-O-Meter

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