Cruz Smith gegen Elsberg 1:0

In Hotels in Urlaubsregionen gibt es manchmal eine kleine Bibliothek abgelegter Urlaubslektüre. Wenn man gerade auf Entzug ist und sofort neuen Stoff braucht, kann man sich dort bedienen. Meist handelt es sich dabei um sogenannte Pageturner, leichte, schnell konsumierbare Kost. Auf diese Weise fiel mir dieses Jahr Countdown von Martin Cruz Smith in die Hand. Da ich Gorki Park schon seit Jahren ungelesen im Regal stehen habe, hielt ich das für eine gute Gelegenheit, mich mit dem Autor vertraut zu machen. Zumal mich auch das Setting ansprach: Japan kurz vor dem Angriff auf Pearl Harbor.

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Ohne übermäßige Erwartungen begann ich zu lesen – und wurde sofort hineingesogen, konnte gerade Mal zum Luftholen (und Abendessen) auftauchen und das Buch erst weglegen, als ich es durch hatte. Andere Bestsellerautoren fielen mir ein, bei denen sich nichts dergleichen eingestellt hatte. Zuletzt hatte ich es im Thriller-Genre mit Marc Elsbergs „Zero“ versucht und das Buch schon nach wenigen Seiten enttäuscht zur Seite gelegt. Was hatte Cruz Smith, das Elsberg (in meinen Augen) fehlte? Ich beschloss, der Sache systematisch nachzugehen.

Dazu habe ich jeweils die Anfangskapitel von Zero und von Countdown miteinander verglichen. Meine Hypothese lautete

Cruz Smith nimmt sich mehr Zeit für die Figurenentwicklung als Elsberg, ohne an Tempo zu verlieren

Beginnen wir mit „Zero“. Auch beim zweiten Versuch gefiel mir der Einstieg nicht. Der Roman beginnt mit dem Umzug der Redaktion des Daily, einer britischen Tageszeitung, in neue Räumlichkeiten. Nach wenigen Sätzen ist klar, dass es sich bei der Hauptfigur Cynthia, Cyn, um eine technische Analphabetin handelt und ihre Redaktionskollegen da deutlich weiter sind.

»Hast du Steine da drin?«, ächzt Cynthia Bonsant, als sie einen Umzugskarton auf den Arbeitsplatz ihres neuen Tischnachbarn wuchtet. Das Ding renkt ihr fast die Schultern aus. »Jede Menge cooler Gadgets«, schwärmt Jeff. »Testprodukte fürs Technikressort.« Er zieht ein Plastikstehaufmännchen mit blinkenden Augen aus dem Karton voll technischer Geräte und Kabel. Technikressort! Genervt fährt sich Cynthia mit den Fingern durch das Haar, fingerlange Strubbel, die daraufhin in alle Richtungen abstehen.

Es gibt nicht viel zwischen den Zeilen zu lesen, die Fronten sind klar: Cyn spielt die Rolle der Technik-Kritischen und wird durch ihren mutigen Einsatz aufdecken, welches Unheil Big Data in Form von Datenbrillen, Überwachungskameras und nicht zuletzt diverse sozialer Medien ausrichten kann. So zumindest meine Vermutung nach Seite 2. Dieser Szene vorangestellt ist ein Chat zwischen Hackern. Die Bedeutung wird kurz darauf klar.

Plötzlich wird auf den Monitoren der Redaktion ein Angriff von Kameradrohnen auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten gezeigt. Nachdem das angstverzerrte Bild des Präsidenten auf Bildschirmen weltweit erscheint, meldet sich der Hacker Zero zu Wort und verlangt ein Zerschlagen der Datenkraken. Hier wäre ich fast wieder ausgestiegen, nicht wegen des Themas, das ist sicher interessant, sondern wegen der voyeuristischen Häme, mit der über den US-Präsidenten geschrieben wird. Hier wird eine Figur zum Pappkameraden (ich kann die Aufsteller aus dem US-Wahlkampf förmlich vor mir sehen) und nicht als Mensch dargestellt. Es ist einfach, diese Schadenfreude zu empfinden, es ist schwieriger, trotz aller (berechtigten) Vorwürfe den Menschen dahinter zu sehen. Aber sei’s drum, vielleicht braucht ein Thriller zu diesem Thema eine einfache Projektionsfläche.

Leider sind auch die anderen Figuren ziemlich holzschnittartig. Das beginnt mit Cyn, der Elsberg so wenig Technikverstand andichtet, dass der Durchschnittspensionär heutzutage mehr weiß. Sie weiß nicht, wie sie ihr Handy einrichten soll? Ernsthaft?

Ab Seite 44, als eine Gruppe Teenager, darunter Cyns Tochter, einen gesuchten Schwerverbrecher jagt, gewinnt der Roman dann an Fahrt. Wie Alice, eine aus dem Lager der Bösewichte sagt

Menschenjagden faszinieren die Leute!

Und die Leser nicht minder. Es wird dann insgesamt recht spannend, auch wenn die Diskussion entlang eher bekannter Pfade verläuft: potenzielle Vorteile der Technologie hier (Gutes tun und Menschen helfen), Nachteile dort (Wer bzw. was entscheidet, was gut ist). Streckenweise liest sich das Buch wie eine Vorlesung über die neuesten technologischen Entwicklungen, da recht viel erklärt wird. Das macht es mitunter etwas trocken und ist die Kehrseite von Elsbergs wirklich gründlicher und beeindruckender Recherche.

Schauen wir uns zum Vergleich Countdown an. Der Roman beginnt ebenfalls, wie für das Thriller-Genre fast schon Standard, mit einem Prolog. Es handelt sich dabei um einen Sonderbericht aus Tokio vom 6. Dezember 1941 mit dem Titel

Japan erscheint ruhig am Rande des Krieges

Dann springt die Erzählung zurück in das Jahr 1922 und berichtet von sechs Jungen, die eine Geschichte aus der Zeit der Samurai nachstellen. Fünf davon sind Japaner, einer ist Amerikaner. In der Geschichte rächen sich die Samurai an einem skrupellosen Fürsten und prügeln ihn zu Tode. Dem kleine Harry Niles fällt als Amerikaner die Rolle des gemeinen Fürsten zu.

Fünf Samurai schlurften in ihren Sandalen vorsichtig näher, ihre Augen schillerten in der untergehenden Sonne wie Opale. Blutroter Dunst wehte in die Gasse, färbte die Straßenbanner und überzog die graubraunen Holzhäuser und Läden mit karminroter Tünche.

Die Geschichte war tragisch, wahr und äußerst befriedigend.

Was für eine geniale Art und Weise in die Geschichte einzuführen. Nicht nur wird damit Harry sofort als Außenseiter, als Gaijin, eingeführt, man erhält als Leserin bzw. Leser auch sofort „Anschauungsunterricht“ in die japanische Denkweise, die im weiteren Geschehen eine große Rolle spielt.

Zehn Seiten widmet Cruz Smith diesem Kapitel und damit der Charakterisierung der Hauptfigur Harry Niles. Das sind rund 2.600 Wörter. Danach habe ich als Leserin oder Leser das Gefühl, dass ich Harry kenne. Das habe ich bei Elsberg nicht. Ich weiß nach den ersten Seiten lediglich, dass Cynthia Technik nervig findet. Auch für den Angriff auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten, eine Szene, die die Ungeheuerlichkeit von Zeros Angriff darstellen soll, verwendet Elsberg nicht mehr als 120 Worte. (Insgesamt die beiden Roman übrigens fast gleich lang: 480 bzw. 412 Seiten für „Zero“ und „Countdown“).

In Summe: Cruz Smith‘ Roman wirkt wesentlich dichter, ohne dabei an Spannung zu verlieren. Bei Elsberg hat man manchmal das Gefühl, dass die Figuren so schnell auf ihr Ziel zugaloppieren, dass dabei zu viel an „Persönlichkeit“ auf der Strecke bleibt. Außerdem gelingt es Cruz Smith selbst dem größten Schurken noch eine sympathische oder zumindest nachvollziehbare Seite abzugewinnen, in dem er den Leser wesentliche Szenen aus dem Leben der Figur miterleben lässt. Elsberg bleibt hier an der Oberfläche und hinterlässt deswegen zumindest bei mir keinen bleibenden Eindruck.

 

Fotonachweis: Das Coverfoto für Marc Elsbergs Buch „Zero“ stammt von der Webseite des blanvalet-Verlags.

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2 Gedanken zu “Cruz Smith gegen Elsberg 1:0

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