Hemingways finales Ende

Vor Kurzem brachte Simon & Schuster in der Reihe The Hemingway Library Edition A Farewell to Arms neu heraus (Deutsch: In einem anderen Land).  Neben Hemingways Einführung von 1948 und einem Vorwort von seinem Sohn Patrick und seinem Enkel Séan enthält die Ausgabe auch sämtliche alternativen Enden zu dem Roman: insgesamt 47.

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Die letzten Sätze eines Romans haben nicht dasselbe Gewicht wie die einer Kurzgeschichte, in der alles nur auf dieses Ende zuarbeitet und sich der Sinn der Geschichte erst damit völlig erschließt.

Ein Roman  kann ein unbefriedigendes Ende  haben und  trotzdem einen Lesegenuss darstellen. Mehrere Hundert Seiten Charakterentwicklung und überraschende Plotwendungen lassen sich nicht durch ein „schwaches“ Ende auslöschen. Trotzdem setzt ein gelungenes Ende gewissermaßen das i-Tüpfelchen auf den Roman. Was ein „gelungenes“ Ende ausmacht und was nicht, kann man sehr schön an den verschiedenen Varianten sehen, die Hemingway in Erwägung gezogen hat.

Der Roman handelt von Frederic Henry, einem jungen Amerikaner, der im Ersten Weltkrieg als Sanitäter für die italienische Armee dient. Nüchtern aber nicht ohne trockenen Humor beschreibt Hemingway die Ereignisse an der Front.

There were small gray motor cars that passed going very fast; usually there was an officer on the seat with the driver and more officers in the back seat. They splashed more mud than the camion even and if one of the officers in the back was very small and sitting between two generals, he himself so small that you could not see his face but only the top of his cap and his narraow back, and if the car went especially fast it was probably the King.

Nach einem Beschuss durch die Österreicher wird Frederic am Bein verletzt:

I knew that I was hit and leaned over and put my hand on my knee. My knee wasn’t there. My hand went in and my knee was down on my shin.

Er wird in ein Hospital nach Mailand verlegt. Glücklicherweise gelingt es Catherine Barkley, der schottischen Krankenschwester, in die er sich verliebt hat, sich nach Mailand versetzen zu lassen. Die Dialoge zwischen den beiden Liebenden wirken ein wenig aus der Zeit gefallen, zeigen zugleich aber die bedingungslose Hingabe der beiden zueinander.

„I’ll say just what you wish and I’ll do what you wish and then you will never want any other girls, will you?“ She looked at me happily. „I’ll do what you want an say what you want and then I’ll be a great success, won’t I?“

„Yes.“

„What would you like me to do no now that you’re all ready?“

„Come to bed again.“

„All right. I’ll come.“

„Oh, darling, darling, darling,“ I said.

„You see,“ she said. „I do anything you want.“

„You’re so lovely.“

„I’m afraid I’m not very good at it yet.“

„You’re lovely.“

„I want what you want. There isn’t any me any more. Just what you want.“

„You sweet.“

„I’m good. Aren’t I good? You don’t want any other girls, do you?“

„No.“

„You see? I’m good. I do what you want.“

Der Roman endet tragisch. Catherine wird schwanger, Frederic wird als vermeintlicher Spitzel für die Österreicher gejagt. Die beiden fliehen in die neutrale Schweiz. Bei der Geburt kommt es zu Komplikationen, das Kind – ein Junge – wird totgeboren und Catherine verblutet.

Hemingway hat sich an 44 verschiedenen Enden versucht (drei stammen von F. Scott Fitzgerald), die der Herausgeber in acht Gruppen zusammengefasst und einschließlich Hemingways Korrekturen aufgeführt hat.

  • Das Nada-Ende, Varianten 1-3
  • Das religiöse Ende, Varianten 4-6
  • Das Begräbnis-Ende, Varianten 10-12
  • Das Tag-danach-Ende, Varianten 13-25
  • Die Schlussvarianten für die ursprüngliche Veröffentlichung im „Scribner’s Magazine“, Varianten 26-33
  • Die Vorschläge von F. Scott Fitzgerald, Varianten 34-36
  • Die Variationen des tatsächlich verwendeten Endes, Varianten 37-41
  • Diverse Enden, Varianten 42-47

Das sogenannte „Nada-Ende“ (von spanisch: Nada = Nichts; Varianten 1-3) macht seinem Namen alle Ehre. Wie das Fallbeil auf dem Schafott fällt der letzte Satz:

That is all there is to the story. Catherine died and you will die and I will die and that is all I can promise you (Variante 1).

Es gibt nichts, woran sich der Leser noch für einen Moment festhalten könnte, keinen Trost und keine Erkenntnis, die der Autor dem Leser oder der Leserin im Austausch für das traurige Ende mitgibt. Das war wohl selbst Hemingway zu nüchtern.

Als Nächstes folgt die Kategorie„religiöse Ende“ (Varianten 4-6).

The thing ist that here is nothing you can do about it. It is all right if you believe in God and love God (Variante 6).

Hemingway glaubte wohl selbst nicht recht an diese Form des Trostes. In einer anderen Schlussvariante dieser Kategorie hat er sämtliche Hinweise auf Gott nachträglich durchgestrichen. Es ist ein Ende, das den Leser etwas ratlos zurücklässt nach dem Motto: Wenn selbst der Erzähler nichts davon hält, warum soll es dann mir als Leserin in irgendeiner Form eine Hilfe sein?

In der dritten Kategorie von Schlussvarianten (Varianten 7-9), lässt Hemingway das Kind überleben und nur Catherine stirbt. Das ist allerdings auch unbefriedigend, zumal das Baby für den Erzähler keinen emotionalen Ausgleich bietet.

I had a son now. I didn’t give a damn about him. All I cared about was Catherine (Variante 9).

Es folgen die „Begräbnis-Enden“ (Varianten 10-12). Hemingway zeigt die handlungslogische Konsequenz der Ereignisse – jemand stirbt und wird begraben -, aber keine zusätzlichen Erkenntnisse angesichts dieser Situation, nichts, was der Leserin oder der Leser noch ein letztes Mal einen „Aha!-Effekt“ vermitteln könnte.

In den Varianten 13-25 gibt es einen „Tag danach.“ Das sind aus meiner Sicht die interessantesten alternativen Abschlüsse des Romans. Man kann recht gut sehen, wie auch ein „Tag danach“ dem Leser keinen Trost spendet. Im Gegenteil, der „Tag danach“ macht das Geschehene nachgerade kleiner:

When I woke the sun was coming in the open window and I smelled the spring morning after the rain and there was a moment, probably it was only a second, before I realized what it was that had happened.

Man versteht die Absicht: Wie kann nach so einem Verlust die Sonne scheinen und die Welt einfach so weitermachen wie bisher? Aber das ist keine wirklich neue Einsicht. Das fällt deutlich ab gegenüber dem tatsächlichen Ende, bei dem Frederic von Catherine Abschied nehmen will und dann erkennen muss, dass der tote Körper seiner geliebten Catherine das schon nicht mehr ermöglicht. All das, was Catherine ausgemacht hat, hat sich schon verflüchtigt:

But after I had got them out and shut the door and turned off the light it wasn’t any good. It was like saying good-bye to a statue. After a while I went out and left the hospital and walked back to the hotel in the rain.

Kurz und knapp und zugleich ungeheuer präzise lässt Hemingway die Leserin und Leser miterleben, was es bedeutet, einen geliebten Menschen zu verlieren. In einer einzigen Formulierung – „saying good-bye to a statue“ – fasst er die gesamte Tragik der Situation zusammen: Wie schnell es geht, wie endgültig der Verlust ist, wie die gemeinsame Zeit stehen bleibt und versteinert.

Den Schlussvarianten für die Erstveröffentlichung im Scribener’s Magazin (Varianten 26-33)  ist gemeinsam, dass Hemingway eine Zusammenfassung dessen einfügt, was mit den anderen Figuren des Romans geschah. Das verwässert den emotionalen Höhepunkt der Schlussszene und kommt an dieser Stelle auch überraschend, da zumindest seit der Flucht von Frederic und Catherine in die Schweiz die anderen Figuren nicht mehr in Erscheinung traten und im Gedächtnis des Lesers verblassten.

Fitzgeralds Vorschläge enthalten relativ lange philosophische Betrachtungen über das Leben. Die hat Hemingway auch, aber an anderer Stelle im Roman, dichter an die (Kriegs-)Handlungen angedockt.

Unter den „Miscellaneous Endings“ gibt es einige, die mit einer Art „Moral“ enden, zum Beispiel:

That was in March nineteen hundred and eighteen. Plenty of men were killed that month and I am sure many women died. But I have not found that because things happen in general that they are any help to you in particular.

Das ist mit Sicherheit richtig, holt den Leser oder die Leserin aber nur mit dem Kopf ab und nicht mit dem Bauch.

Besonders interessant sind die Variationen des tatsächlichen Endes. Hier hat Hemingway nochmals gekürzt und präziser formuliert. In Variation 37 endet der Roman folgendermaßen (Frederic befindet sich allein in dem Krankenzimmer mit der toten Catherine):

After a while I said goodbye and went away. It was like saying goodbye to a statue. But I did not want to go. I looked out the window. It was still raining hard. Blessed are the dead that the rain falls on, I thought. Why was that? I went back. Goodbye, I said. I have to go I think. It wasn’t any good. I knew it wasn’t any good.

Hier geht Hemingways geniale Formulierung „saying goodbye to a statue“ völlig unter. Das Kürzen hat sich eindeutig gelohnt.

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