Was ist ein gutes Gedicht?

Kann man diese Frage allgemeingültig beantworten? Ist diese Frage überhaupt noch zeitgemäß? Hans-Dieter Gelfert gibt in seinem gleichnamigen Buch eine Antwort.

Ich habe ja schon mehrfach erwähnt, dass ich mir mit Gedichten schwer tue. Vielleicht versuche ich gerade deswegen immer wieder, mich der Lyrik mit dem metaphorischen Maßband zu nähern. Nicht umsonst lautet der Untertitel meines Blogs: vermessene Sprache, ausgewogene Geschichten.

Im Folgenden einige Erkenntnisse aus Hans-Dieter Gelferts neuem Buch, in dem er der Frage nachgeht, was ein gutes Gedicht ausmacht. Wie immer schaue ich mit dem Blick einer Verfasserin von Prosatexten darauf.

Gewohnt systematisch beginnt Gelfert zunächst mit der Definition eines Gedichtes. Das ist ja bekanntermaßen nicht so einfach (siehe auch hier). Gelfert beschreibt das Wesen eines Gedichtes – recht poetisch – so:

Ein Gedicht ist ein sprachlich Text in kristalliner Form

Diese kristalline Form ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Gehalt und Gestalt. Gelfert nimmt klar Abstand von sogenannter „Erbauungslyrik“, die mehr als Lebenshilfe tauge, denn im ästhetischen Sinne gut gemacht sei und zitiert als Beispiel Hermann Hesses „Stufen“, das nach einer Umfrage des WDR in Zusammenarbeit mit dem Patmos Verlag, das Lieblingsgedicht der Deutschen ist.

Gelfert hält es hier wie Goethe, den er mit den Worten zitiert:

Bilde Künstler, rede nicht,

nur ein Hauch sei dein Gedicht.

Das bedeutet nicht, dass ein Gedicht keinen Trost spenden darf, wenn es gut sein will. Aber es muss eben noch ein bisschen mehr können, als „nur“ Erbauuen.

Die Gestalt eines Gedichts sollte dem Gehalt angemessen sein. Vereinfacht gesagt: der gestalterische „Aufwand“ sollte mit der Tiefe des Themas korrelieren. Gelfert beschreibt das sehr anschaulich anhand von drei Gedichten über (Raub-)Katzen:

  1. Josef Guggenmos‘ „Katzen kann man alles sagen“ ist laut Gelfert „underdressed“, es verrät zu wenig über das Wesen der Katzen
  2. Die schwarze Katze“ von Rilke hält Gelfert für „overdressed“, die Sprache für zu gespreizt
  3. Der Panther“ (ebenfalls Rilke) ist ein Meisterwerk, Form und Inhalt passen perfekt zueinander

Neben „Angemessenheit“ der Sprache in oben besprochenem Sinn, nennt Gelfert Objektivität und Authenzität als Merkmale eines guten Gedichtes.

Mit Objektivität meint Gelfert das Erweitern eines subjektiven Empfindens zu einer allgemeingültigen Aussage. Das Gedicht geht über eine „bloß private Klage“ hinaus.
Die Leserin oder der Leser kann das Gedicht „interesselos“ genießen. Es wird damit kein Bedürfnis, z. B. nach Erbauung, gestillt, sondern eine „Erwartungslust“ dessen befriedigt, was da in der nächsten Formulierung, der nächsten Zeile kommt. Die Ästhetik spricht für sich.

Als weiteres Qualitätsmerkmal nennt Gelfert die Abweichung vom Gewöhnlichen. Das bedeutet wiederum nicht, dass die Dichterin oder der Dichter nicht auch das Gewöhnliche darstellen könnte. Sie bzw. er müsste es dann nur auf ungewöhnliche Weise tun, so Gelfert. Das ist ein bisschen wie in der Prosa:

Ein Ereignis ist eine Abweichung von der Norm

weswegen in mittelalterlichen Texten eigens hervorgehoben wurde, wenn eine Figur keines gewaltsamen Todes starb, und es heutzutage – zumindest in unserer Ecke der Welt – genau umgekehrt ist: Der gewaltsame Tod ist das Besondere (die Quelle dazu reiche ich nach, sobald ich sie wieder gefunden habe).

Gelfert geht im weiteren Verlauf des Buches auf die verschiedenen „Konstruktionstechniken“ der Dichtkunst ein, sowie auf das Selbstverständnis der Dichterinnen und Dichter in den verschiedenen Epochen und auf ausgewählte Gedichtsformen. Als Leser bzw. Leser profitiert man dabei von Gelferts Wissensschatz als emerierter Professor für englische Literatur und den zum Vergleich herangezogenen englischen Dichtern und Dichterinnen.

Ich kann das Buch jedem empfehlen, der sich ganz allgemein für Sprache und insbesondere für Gedichte interessiert.

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2 Gedanken zu “Was ist ein gutes Gedicht?

  1. Gelferts Sachbücher machen großen Spaß. „Typisch amerikanisch – Wie die Amerikaner wurden, was sie sind“ kann ich auch nur empfehlen, seit der Lektüre lese bzw. sehe ich amerikanische Literatur und Filme mit anderen Augen.

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