Statt Genius: Szenius

Man muss kein Genie sein, um Erfolg zu haben, aber die Welt muss wissen, dass man existiert, sagt Austin Kleon in seinem neuen Buch „Show Your Work!“. Statt sich abzumühen, ein Genius zu werden, schlägt er vor, sich zum Scenius zu entwickeln, d. h. eine Szene Gleichgesinnter oder Interessierter zu finden und sich ihnen bekannt zu machen.

showyourwork

Dazu gibt es den klassischen Weg des literarischen Establishments. (Im Folgenden beziehe ich mich auf Wege und Möglichkeiten für die schreibende Zunft, obwohl Kleon mit seinem Ratgeber jede Form der künstlerischen Aktivität anspricht, also auch Musiker, Illustratoren, Comedians usw.)

Bei der Beschreibung von Datenbanken spricht man von 1:1 (eins zu eins) oder 1:n (eins zu n) Beziehungen. Den klassischen Weg des Literaturbetriebs könnte man als 1:1:n bezeichnen. Ein Autor oder eine Autorin findet den direkten Weg zum Verlag, manchmal ist noch ein Agent dazwischen geschaltet. Der Verlag vervielfältigt das Werk und macht es für viele – n in unserer Gleichung oben – verfügbar.

Aus den unterschiedlichsten Gründen, die ich hier nicht alle aufführen will, steht der 1:1-Teil dieser 1:1:n-Beziehung  nur einem geringen Anteil Schreibender zur Verfügung. Aber es ist klar, dass sie nicht nur für die Schreibenden, sondern auch für den Verlag recht aufwändig ist. Viel Energie muss in Auswahl und „Aufzucht“ dieser einen Autorin, dieses einen Autoren fließen, um am Ende jemanden zu haben, der dann viele Leser begeistert und somit das Investment in Geld und Energie wieder wett macht.

Das Self-Publishing beschreibt dem gegenüber eine Abkürzung – oder sieht zumindest auf den ersten Blick so aus. Es klingt nach einer 1:n-Beziehung. Der Autor bzw. die Autorin tritt in direkten Kontakt mit den Lesern und verkauft ihr Werk. Das Problem dabei, wie mit Sicherheit Self-Publisher wissen: Der Aufbau einer Folgschaft in signifikantem Umfang (ein ausreichend großes n) kostet viel Zeit und benötigt konstante Pflege. Die sozialen Medien ermöglichen es zwar einem Autor oder einer Autorin, in direkten Kontakt zu treten, es kostet aber trotzdem eine große Anstrengung im allgemeinen Rauschen aufzufallen.

Kleon schlägt eine Art „Kleinvieh macht auch Mist“-Strategie vor und rät (angehenden) Autorinnen und Autoren sowie Künstlern allgemein, Zwischenschritte ihres Werkes zu zeigen, daher auch der Titel: Show Your Work.

Statt in „Endprodukten“ zu denken, rät er, den Weg dorthin, also den Prozess zu beschreiben und festzuhalten. Jeden Tag ein Post zum eigenen Arbeitsfortschritt, lautet sein Mantra und unter #ShowYourWork kann man sehen, was dabei herauskommt. Von Scribbles über elektrische Skateboards bis zu Bühnenbilder ist alles dabei.

Letzendlich läuft das auch auf ein 1:n-System heraus, aber man lässt sich mehr Zeit beim Aufbau, es ist eine Art 1:3:10:25:173:…:n.  Hinzu kommt, dass der Weg zum 1:n lohnenswert ist, da man bei jedem Schritt Anregung und Feedback einsammeln kann. Ein Caveat gibt es allerdings dabei. Wie Kleon es formuliert

don’t turn into human spam

Teilen ja, aber nicht alles, sondern vorrangig Dinge, die für die anderen, die Leser und Leserinnen, von Nutzen sind, wie z.B. Einsichten und Erkenntnisse, die man im Schaffensprozess gewonnen hat. Wer nur über sich selbst redet oder nur die eigenen Geschichten bzw. Texte postet, ermüdet seine Zuhörer bzw. Leser schnell.

 

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