Wenn der Scharfrichter zu lange zögert

Passend zu Halloween möchte ich Teil 3 meiner Kunstserie mit dem misslungenen Bild einer Hinrichtung beginnen.

Hooded death with scythe waiting on a misty road . Halloween and horror
Hooded death with scythe waiting on a misty road . Halloween and horror

Zur Erinnerungen: Seit Juli diesen Jahres läuft in der FAZ eine Serie, in der Kulturschaffende jeweils das gute Bild eines schlechten Künstlers oder das schlechte Bild eines guten Künstlers besprechen. Ich versuche daraus Kriterien für gute Literatur abzuleiten. Dabei hat sich bisher Folgendes herauskristallisiert (hier und hier nachzulesen):

  • Guter Stil allein reicht nicht aus, um gute Kunst zu schaffen
  • Lücken lassen und nicht alles ausbuchstabieren macht Texte interessanter
  • Rätsel regen die Fantasie an
  • Rückgriffe auf den (Schreib-)Stil vergangener Zeiten sind nicht zu empfehlen
  • Hohe Kunst ist es, eine Einsicht in wenigen Worten so zu destillieren, dass sie sich für den Leser erlebbar macht

In den nächsten beiden Beiträgen in dieser Serie bemängelt zunächst Mathias Müller, Professor für Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die Mitteltafel des Katharinenaltars in Dresden von Lucas Cranach d. Ä. Während rings herum die Welt untergehen zu scheint, steht der Scharfrichter still,

als ob er vor der Enthauptung der Heiligen seine eigene Rolle im Verlauf des christlichen Heilsgeschehen reflektieren wollte

Ein wenig erinnert das an manche Action-Filme, in denen der Bösewicht kurz bevor er die Heldin oder den Helden umbringt, eine Monolog über seine Pläne zur Weltvernichtung hält. Das dauert dann gerade lang genug, damit der Held oder die Heldin (oder auch die Welt, je nach Genre) in letzter Sekunde gerettet werden kann und ist so vorhersehbar wie das Herabfallens des Fallbeils einer Guillotine. Nicht besonders spannend also. In anderen Worten: In einer Action-Szene die Handlung nicht unnötig verlängern.

Im nächsten Beitrag von Isabelle Graw, der Herausgeberin von „Texte zur Kunst“ und Professorin an der Städelschule von Frankfurt ist „Bad Painting“ Programm. Sie stellt das Bild „Amuser ou Le plus beau tableau du monde“ von Marcel Broodthaers vor (leider funktioniert nur der Link zu einer abgeschnittenen Version des Bildes), mit dem dieser das sogenannte Bad Painting erfand. Nach Meinung der Autorin eine Abkehr von der „Unterwerfung der Malerei unter die Sprache.“ Ich habe mir erlaubt in ihrer Ausführung dazu, Malerei und Literatur, Text und Bild zu vertauschen (meine Änderungen in fett):

Wenn man unter „Bad Writing“ jedoch […] die bewusste Abkehr von modernistischen Konventionen (etwa vom Kult der minutiösen Beobachtung) versteht wie auch die daraus resultierende Unterwerfung der Geschichte unter die Bilder und damit verbunden den Verzicht auf die Beherrschung traditioneller Plot-Techniken, dann ist […] meines Erachtens hierfür ein Paradebeispiel.

Es stellt sich die Frage nach der Balance von Plot und Sprache. Welcher deutschprachige Roman könnte an Stelle der Auslassung treten, weil er sowohl spannend als auch gut geschrieben ist? Auf der Suche danach finde ich mich plötzlich bei bei Jochen Kienbaums Beitrag zur Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 wieder

Bei ihnen [einigen US-Amerikanern] fand ich, was ich bei den nominierten, deutschen Kollegen häufig und heftig vermisste. Bessere, intelligentere Plots, Figuren mit Ecken und Kanten, fies und liebenswert zugleich, mehr Innovation und literarisches Wagnis, mehr Experimentierfreudigkeit, bessere Sprache, klarer, dem Leser zugewandt und weniger selbstverliebt. Diese Romane forderten mich als Leser heraus, und zwar zum aufregenden Abenteuer, zum Nervenkitzel, nicht als Aufforderung (Herausforderung) zum qualvollen Sado-Maso-Lesen, wenn man gar keine Lust auf fremdzugefügte Schmerzen hat.

Es ist also gar nicht so einfach, fündig zu werden. Trotzdem stellt meine Umdeutung von Isabelle Graws Aussage natürlich eine Verallgemeinerung dar. Es gibt selbstverständlich auch deutschsprachige Romane, in denen eine herausragende Sprache nicht auf Kosten der Geschichte geht: zum Beispiel von Steinaeckers „Die Verteidigung des Paradies“ (meine Meinung dazu hier). Trotzdem halte ich es für lohnenswert über das Gleichgewicht zwischen Sprache und Geschichte bzw. Plot immer wieder (neu) nachzudenken.

 

Alle Beiträge dieser Serie:

  1. Was eine Autorin von einem Dandy lernen kann
  2. Von zwei linken Füßen und einer Punktlandung
  3. Wenn der Scharfrichter zu lange zögert
  4. Keine laue Mondnacht
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5 Gedanken zu “Wenn der Scharfrichter zu lange zögert

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