Quantico: Tod durch Ermüden

Vor Kurzem erlag ich einem Anfall von Binge-Fernsehen. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mir die erste Staffel von Quantico angesehen.  Laut FSK ist die Serie für über 16-Jährige gedacht, aber eigentlich wirkt es wie eine Serie für 16-Jährige. Schöne junge Menschen gehen gemeinsam zur Schule. Die üblichen Fragen stellen sich: Was denken die anderen über mich? Kann ich der oder dem trauen? Wer ist die Petze, wer ein Streber? Und vor allem: Er liebt mich, er liebt mich nicht… Der einzige Unterschied zu Teenager-Serien besteht darin, dass das Ganze in Quantico spielt und es sich bei der Schule um die FBI-Akademie handelt.  In 21 Episoden wird erzählt, was die Schüler so alles lernen.

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Parallel zu diesem Erzählstrang verläuft ein zweiter, der zwei Jahre nach Abschluss der Ausbildung mit der Explosion des Grand Central Terminals in New York beginnt. Die Protagonistin kommt inmitten der Trümmer zu sich und wird verdächtigt, die Bomben gelegt zu haben. Fortan dreht sich dieser Erzählstrang darum herauszufinden, wer wirklich hinter dem Attentat steckt. Dazu haben sich die Drehbuchautoren jede Menge Backstory zu den einzelnen Figuren überlegt. Geradezu lehrbuchmäßig haben sie den Figuren Stärken und Schwächen angedichtet.

Hier fragt sich allerdings der Zuschauer, wie in einer Gruppe von zwanzig Menschen, noch dazu solchen, die vom FBI ausgewählt wurden, also Menschen, die per Auswahl schon ziemlich astreine Bürger sind, sich die in manchen Fällen wörtlichen Leichen im Keller derart häufen können.

SPOILER ALERT FÜR ALLES FOLGENDE

An erster Stelle steht die Heldin, die ihren prügelnden Alkoholiker-Vater mit dessen Pistole erschoss, als der wieder mal auf die Mutter losging. Dann gibt es die Südstaatenschönheit, deren Eltern vermeintlich am 11. September ums Leben kamen. Diese haben aber  – wie sich später herausstellt – ihren Tod nur fingiert, weil sie in Waffengeschäfte verwickelt waren. Dann gibt es den Sohn der Senatorin und des FBI-Chefs, der in eine gewalttätige Sekte verstrickt war. Es gibt den Juden Simon, der mit dem was er im Gaza gesehen und getan hat, nicht zurecht kommt und sich am Ende selbst opfert. Es gibt den Ausbildungsleiter, der in einer vermasselten FBI-Aktion in Chicago etwas verbockt hat, wofür Ryan, der „Love Interest“ der Protagonistin, den Kopf hinhalten musste. Es gibt die Leiterin der Ausbildung, eine Afroamerikanerin und für mich eine der sympathischsten Figuren, die gegen die Glasdecke des FBI ankämpft und einen Sohn zu Hause hat, der wegen angedrohtem Amoklauf in Jugendhaft saß. Undsoweiter undsofort. Es gibt keine einzige Figur, die einfach nur zur Schule ging, Freunde hatte und erwachsen wurde. Jetzt frage ich mich: Wie wahrscheinlich ist es, dass jeder Einzelne dieser zwanzig Menschen derart gravierende Vergehen in der Vergangenheit begonnen hat?

Man kann förmlich die Zahnräder sehen, mit denen das Plot konstruiert wurde. Nach und nach werden die Figuren durchdekliniert und als Mastermind hinter dem Anschlag ins Spiel gebracht. Das reiht sich in andere Serien mit von einem Bösewicht ausgetüftelten Plot wie z.B.: How to Get Away with Murder  mit der sehr sehenswerten Viola Davis oder Damages (mit Glen Close). Schon klar, Überwachungstechniken und Deep Learning machen Dinge möglich, die vor zehn Jahren noch nicht denkbar gewesen wären. Aber was, bitteschön, ist mit dem guten alten Zufall passiert? Der kann jeden noch so ausgeklügelten Plan ins Wanken bringen, insbesondere wenn Jahre in die Zukunft geplant wird und eine Vielzahl von Spielern beteiligt sind.

Irgendwann ist man dann die immer abstruser werdenden Verwicklungen leid. Die Plot-Schraube wird angezogen und noch eine Umdrehung und noch eine, bis sie überdreht ist. Es kommt gewissermaßen zum Tod durch Ermüden. Wenn zum Schluss noch eine Nuklearbombe ins Spiel gebracht wird, die Simon dadurch unschädlich macht, dass er sie in einen See wirft (!), kann man nur noch den Kopf schütteln. Wenn darüber hinaus angedeutet wird, dass die ehemalige Senatorin, jetzt Vizepräsidentin, das alles nur inszeniert hat, um für sich und ihre Law & Order-Politik so kurz vor der Wahl noch weitere Stimmen einzufangen, dann streckt man geplättet die Glieder von sich. (Hoffen wir mal, dass uns die Wirklichkeit in der Beziehung nicht in wenigen Tagen einholt).

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2 Gedanken zu “Quantico: Tod durch Ermüden

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