Wie beschreibt man etwas, das man nicht sehen kann?

Im monatlichen Schreibwettbewerb des Literaturhaus‘ Zürich dreht sich dieses Jahr alles um die Musik. Jeden Monat gibt es zwei Musikstücke, von denen man sich zu einem Text inspirieren lassen kann. Diesen Monat stehen zum Beispiel ein Duett der polnischen Sängerin Kayah und des serbischen Musikers Goran Bregovic und Chopins Nocturne in e- Moll, Op. 9,  No. 2 zur Auswahl. (Bis 6. Dezember kann man noch Text einreichen und mitmachen).

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Man entdeckt bei diesem Schreibwettbewerb nicht nur neue (und alte) Musik, beispielsweise Kat Frankie „Please Don’t Give me What I Want“. Klar, dass man bei diesem Titel erst recht wissen will, was es denn nun ist, das die Sängerin in diesen Widerspruch verstrickt. Man findet auch spannende Texte vor. Ina Spang hat sich zum Beispiel von David Bowie zu einer Geschichte über eine Leihmutter inspirieren lassen und Maya Olah von einem Kurzfilm von Sigur Rós zu Todesstille.

Es ist eine Sache, sich von Musik inspirieren zu lassen, eine andere darüber zu schreiben. Der Literaturprofessor Hans-Dieter Gelfert hält es in seinen Ausführungen zu Kitsch daher für „fast unvermeidlich“ über Musik zu schreiben, ohne dabei schwülstig zu werden:

Wenn beispielsweise ein Musikkritiker mit sprachlichen Mitteln ein überwältigendes Konzerterlebnis wiedergeben will, […] kommt aber selten mehr als Schwulst heraus.

In diese Falle tappt Dietmar Dath in seiner Lobpreisung der Berliner Band Doctorella nicht (FAZ, „Das hörste der Gefühle“, 14.11.2016).  Das ist eher etwas für meine Sammlung „Schöne Worte“ (bisher dazu erschienen: schöne Worte horten und schöne Worte verorten). Dath beginnt seine Besprechung mit einem entspannten, alles andere als schwülstigen Bild:

Schöne Melodien sind wie essbare Wildpflanzen: Man fühlt sich immer ein bisschen schäfchenbrav oder kuhdumm, wenn man glücklich darauf herumkaut. Denn das schlechte Gewissen des Menschenherzens, das von sich weiß, dass es eigentlich ein skrupelloser Fleischfresser ist, verdächtigt sich der Heuchelei, wenn es den süßsauren Saft aus scheinbar naturwüchsigen Stimmungen saugt.

Er gewinnt dadurch ironische Distanz („schäfchenbrav“, „kuhdumm)“ zu seinen Begeisterungsstürmen („mal schwebende, mal tauchende und mal flanierende Reise dieser Platte“, „magisches […] Wiederholen von Einzeltönen“) – und vermeidet damit ins Kitschige abzugleiten. Darüber hinaus macht er das, was man von einem guten Kritiker erwartet (aber leider nicht immer bekommt): Er arbeitet mit dem Material, d.h. er geht auf Text und Ton ein.

Reinhören kann man hier und ein Interview mit den beiden Sängerinnen, Sandra und Kerstin Grether, gibt’s hier.  Ich muss gestehen, dass die angespielten Soundtracks bei mir nicht dieselben Begeisterung hervorrufen, wie bei Dietmar Dath. Seine Beschreibung ist trotzdem großartig.

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