Keine laue Mondnacht

In Teil 4 meiner Kunstserie geht es zunächst um eine Mondnacht gemalt von Christian Rohlfs. Je nachdem, wen man fragt, war Rohlfs ein westfälischer bzw. ein norddeutscher Expressionist.

img_1542

Rainer Stamm,  Direktor des Niedersächsischen Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, hält die „Blaue Mondnacht“ für das gute Bild eines schlechten Malers (FAZ, 8.9.2016). Schlecht gemacht haben vor allem die Nazis Rohlfs und seine Bilder. Wie es 1937 in einer Ausstellung über entartete Kunst zu seinen Bildern hieß:

Man nehme einen Meter Leinwand, drücke den Inhalt verschiedener großer beliebiger Farbtuben darauf aus, verreibe das Ganze tüchtig und spanne es in einen Rahmen
(wie von Peter Stamm in der FAZ zitiert)

Der zu diesem Zeitpunkt bereits 87-jährige, erzählt Stamm, habe sich davon nicht beirren lassen und einfach weitergemalt, unter anderem die vorgestellte „Blaue Mondnacht“.

Peter Stamm gefällt die „Freiheit und Unbekümmertheit“, mit der der betagte Maler sein Motiv gemalt hat.

Voller Energie und Experimentierfreude verschafft der greise Künstler seinem Blatt damit eine weltvergessene, nie zuvor erreichte Immaterialität

Der Künstler ist ganz seiner Intuition gefolgt und hat sich nicht von seinem Pfad abbringen lassen. Das erinnert mich an die Diskussion anlässlich des Bachmannpreises, die zum Text von Tomer Gardi stattfand (siehe zum Beispiel hier; meine Meinung dazu hier). Man kann dem Autor sein „gebrochenes“ Deutsch vorwerfen, aber nicht, dass er sich von seinem Weg hat abbringen lassen.

Im nächsten Beitrag der FAZ-Serie „Der andere Kanon“ erklärt Karlheinz Lüdeking, Professor für Kunstgeschichte und Kunstwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin (FAZ, 16.9.2016), warum er die Qualität von Tintorettos „Bildnis eines weißbärtigen Mannes“ für höchstens ausreichend hält.

Lüdeking kann nicht nachvollziehen, was den Musikkritiker Reger in Thomas Bernhards Komödie „Alte Meister“ so von diesem Bild schwärmen lässt. Der Kunstprofessor fragt (eher rhetorisch):

Dieses stupide Abbild eines stupiden Greises mit einem lächerlichen weißen Bart soll ein erstklassiges Kunstwerk sein? Keinesfalls.

Lüdekings „Zwiegespräch“ mit dem fiktiven Musikkritiker Reger setzt sich fort. Lüdeking findet das Bild „langweilig“ und „vorhersehbar“. Etwas, vor dem man sich auch als Autor fürchten sollte. Weiter sagt er, in dem Bild gebe es keinen Raum, in den die Figur abstürzen könnte. Auch das kann man bei manchen Romanfiguren beobachten: Sie sind zu eindimensional, zu oberflächlich, es besteht keine ernst zu nehmende Gefahr, dass sie wie Walt White aus Breaking Bad tatsächlich zu weit gehen und abstürzen könnten.

Woher weiß man als Autorin bzw. Autor, ob man sich dicht genug an den Abgrund herangetraut hat? Man kann es nur umgekehrt formulieren: Wenn es nicht weh tut, war es nicht weit genug.

 

Alle Beiträge dieser Serie:

  1. Was eine Autorin von einem Dandy lernen kann
  2. Von zwei linken Füßen und einer Punktlandung
  3. Wenn der Scharfrichter zu lange zögert
  4. Keine laue Mondnacht

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

3 Gedanken zu “Keine laue Mondnacht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s