So poetisch kann Grammatik sein

Der Kleist-Preis ging dieses Jahr an die Japanerin Yoko Tawada. Die Schriftstellerin schreibt nicht nur (überwiegend) in deutscher Sprache, sondern auch gern über die deutsche Sprache. In der Laudatio anlässlich der Preisverleihung lobt Ulrike Ottinger die „originäre Schreibweise“ und die „subtilen Sprachspiele“ Tawadas.

yoko_tawada

Lerke von Saalfeld spricht in der FAZ sogar von Tawadas

Lust an der Wortzertrümmerung und Wortneuerfindung

Das klingt nach interessanter Sprache. Deswegen habe ich mir außer dem neuesten Roman „Ein Balkonplatz für flüchtige Abende“ der Japanerin auch den Gedichtsband „Abenteuer der deutschen Grammatik“ besorgt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Mit großem Sprachwitz spürt Tawada den Eigentümlichkeiten der deutschen Sprache nach. Zum Beispiel fragt sie sich, warum „das Jucken im Singular“ steht, wenn es doch „viele Mückenstiche“ sind. Wer beispielsweise für Schulkinder nach einer guten Erklärung dafür sucht, was den Unterschied zwischen Perfekt und Imperfekt ausmacht, wird bei folgendem Gedicht fündig

Perfekt

Es hat geblüht
Und indem ich dir davon erzähle
Blüht es immer noch
[…]
Das Perfekt ist eine unvollendete Zeit

Man erfährt etwas über den hanseatischen Komperativ („eine hamburgerin sagt / ich bin größer wie du), den im Übrigen auch die Schwaben verwenden. Und die Besonderheit der deutschen Satzstellung, das Verb an den Schluss zu stellen, erklärt Tawada in dem Gedicht „Wortstellung“ folgendermaßen

Das Verb spielt die zweite Geige
Wenn die Melodie zitiert ist
Hat es den letzten Ton

Wer hätte gedacht, dass Grammatik so poetisch ist und Linguistik geradezu erotisch? Zumindest sieht das die Autorin so, die ihre „Notizen zur linguistischen Erotik“ mit dem Satz

Sprachen bestehen aus Löchern.

beginnt und mit der japanischen Übersetzung von „Ich liebe Dich“ endet. Diese wörtlich wieder ins Deutsche rückübersetzt bedeutet: „Was mich betrifft, bist du begehenswürdig“. Da tut sich vielleicht nicht ein Loch auf, aber doch eine gewisse Kluft zwischen dem, was man als Deutschsprachige oder Deutschprachiger von einer Liebesbekundung erwarten würde und was der Satz an emotionalem „Gehalt“ transportiert.

In „Vreemd in New Amsterdam“ ersetzt die Autorin kurzerhand das „F“ am Wortanfang durch ein „V“ und schon fühlt man sich von Niederländern umgeben. Dabei handelt es sich bei New Amsterdam vermutlich um die ehemalige niederländische Kolonie im heutigen Manhatten. Trotzdem funktioniert das Verwirrspiel mit der deutschen Rechtschreibung.

Den 20. Jahrestag der Rechtschreibreform nahm der Arbeitskreis Lesen und Rechtschreiben zum Anlass, einen Schreibwettbewerb zur neuen deutschen Rechtschreibung auszurufen. Ich selbst kämpfe regelmäßig mit der Klein- und Groß-,  sowie Getrennt- und Zusammenschreibung. Deswegen habe ich mir dazu einen Merkreim, genauer gesagt eine Geschichte ausgedacht, um mir die Regeln endlich merken zu können. Diese „Liebesgeschichte“ kann man hier oder auf meinem Instagram Account (@mbautorin) nachlesen.

Wer sich trotz aller Bemühung, der neuen deutschen Rechtschreibung zu folgen, immer noch verschreibt, ärgere sich nicht zu früh. Die Wortspielerin zeigt, wie schön manche Verschreiber sein können. Ansonsten empfehle ich in Tawadas Worten:

Lass dich nicht einsperren in einen Kreis / Den selbst der Teufel vermeidet

und die Dinge gelassen anzugehen.

 

 

 

 

 

 

 

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