Ist 2084 das neue 1984?

Mit 2084 hat der algerische Schriftsteller Boualem Sansal ein düsteres Bild der Zukunft entworfen. Nach Jahrzehnten zerstörerischer Kriege gibt es nur noch Abistan und das Volk der Gläubigen. Die Vergangenheit und jede Erinnerung daran wurde ausgelöscht, die verschiedenen Sprachen durch die radikal vereinfachte Kunstsprache Abilang ersetzt.

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Abistan ist totalitär im Wortsinn: Es existiert nichts außerhalb, vor oder nach ihm. Der sogenannten Apparat und die „Gerechten Brüderlichkeit“, eine „Kongregation von vierzig Würdenträgern“ sowie eine Heerschar von Denunzianten sorgen dafür, dass das so bleibt. Nichts fürchtet der Apparat so sehr wie „die Häresie und die Abweichung“.  Abtrünnige werden in öffentlichen Schauprozessen hingerichtet.

Die Geschichte handelt von Ati, der in einem Sanatorium am Rande der bewohnten Welt wider Erwarten von der Tuberkulose geheilt, aber mit der Idee der Freiheit infiziert wird. Bei den meisten anderen Patienten handelt es sich um Pilger, die dorthin gekommen sind, um zu sterben.

Ati konnte nicht mehr schlafen. Die Angst packte ihn immer früher, beim Erlöschen der Lichter und sogar davor, wenn die Dämmerung ihre fahlen Schleier entfaltete und die Kranken, müde von ihrem langen Tag des Umherirrens von Stuben zu Gängen und Gängen zu Terrassen, schlurfend zu ihren Betten zurückzukehren begannen und sich traurige Wünsche für eine glückliche nächtliche Überfahrt zuriefen. Manche würden morgen nicht mehr da sein. Yölah ist groß und gerecht, er gibt und nimmt nach seinem Gutdünken.

Dann kam die Nacht, sie brach so schnell in den Bergen herein, dass sie aus der Fassung brachte. Ebenso plötzlich wurde die Kälte beißend und verwandelte den Atem in Dampf. Draußen streunte untermündlich der Wind, zu allem bereit.

Auf dem Rückweg nach Hause lernt Ati Nas kennen, einen berühmten Archäologen, der ihm von einem Fund erzählt, der das gesamte Weltbild Abistans ins Wanken bringen kann. Die ersten Zweifel sind gesät. Sehr poetisch beschreibt Sansal, wie die Idee der Freiheit Ati und seinen Blick auf die Welt verändert

Das höhlenartige Röcheln des Berges, das ihn seit seiner Ankunft im Sanatorium in Furcht und Schrecken versetzte, hörte plötzlich auf. Von der Angst befreit, wurde der Wind leicht, gut roch die Luft des Berges, herb und euphorisch. Eine fröhliche Melodie, die aus den tiefen Kehlen zu den Gipfeln emporstieg. Er hörte ihr mit Genuss zu.

Ati kehrt in sein Viertel zurück, aber der Gedanke an Nas und dessen Fund lässt ihn nicht in Ruhe. Zusammen mit seinem Freund Koa will er Nas im „Abigouv“, im Herzen der Regierung aufsuchen, um mehr über diesen Fund herauszufinden. Ati und Koa fälschen offizielle Dokumente und machen sich auf den Weg ins Zentrum der Macht auf der Suche nach der Wahrheit.

Im Gegensatz zu Unterwerfung von Michel Houellebecq, die mir mehr wie eine Kritik an träge gewordenen französischen Intellektuellen als einer Islamkritik vorkommt, stellt Sansal in dem Roman die Frage

Ist die Religion aus sich heraus der Diktatur und dem Mord zugewandt?

Gleichzeitig sagt der Erzähler an anderer Stelle

Im Laufe der Katastrophen, die aufeinander folgten, gab man Gott einen neuen Namen, Yölah

und beschreibt wie die der Glaube an Yölah von der „inneren Auflösung einer alten Religion“ herrührte.  Die aufgeführten Zitate aus dem Gkabul, des heiligen Buchs Abistan, lassen sich – soweit ich das nachvollziehen kann – nicht dem Koran zuordnen. Trotzdem gibt es vermutlich Andeutungen, die mir als mit dem Koran nicht Vertraute entgehen.

Sansals Sprache trägt einen Großteil dazu bei, dass diese zukünftige Welt so glaubhaft und zugleich beklemmend wirkt. Die Übersetzung scheint mir stimmig und gelungen. Man findet so gelungene Formulierungen wie

Die Gewohnheit wischt weg, was aus dem Rahmen fällt

Oder

Wenn die Maschine des Zweifels erst in Gang gekommen ist, lässt sie sich nicht mehr stoppen. […] Und plötzlich macht der Zweifel einen weiteren, völlig unerwarteten Schritt.

Geradezu poetisch beschreibt Sansal die Zerstörung der Welt – was das Grauen beim Lesen noch erhöht.

Einzig die Erzählperspektive hat mich hin und wieder irritiert. Sansal beschreibt aus Atis Perspektive und aus der eines ironisch distanzierten Erzählers. Aber dann tauchen Sätze auf wie

Eine bestimmte Legende erzählt, dass ringsumher genügend Leichen lagen, um alle Schluchten des Ouâ zu füllen und trocken hinüberzukommen. Das ist durchaus möglich, denn die genannten Zahlen sind astronomisch, die benutzten Waffen übertrafen in ihrer Macht die Stärke der Sonne und die Schlachten zogen sich über Jahrzehnte – man weiß nicht mehr, wie viele. Es ist ein Wunder, dass die Festung aus der allgemeinen Vernichtung unversehrt hervorgegangen ist.

Obwohl der Abschnitt eine Seite zuvor mit Atis Perspektive beginnt, klingt das nach einem neutralen Erzähler. Es geht weiter mit

Trifft auch nur die Hälfte der Erzählungen zu, die im Umlauf sind, bedeutet es, dass wir überall, wo wir in diesem Land den Fuß aufsetzen, über Leichen laufen.

Wer ist dieser Erzähler, der plötzlich von einem „Wir“ spricht?
An anderer Stelle taucht der Erzähler plötzlich für zwei, drei Sätze in den Kopf einer Nebenfigur ein, die später nicht mehr auftaucht.

Ist 2084 also das neue 1984? Sansal bezieht sich mehrfach auf 1984 von Georg Orwell und setzt dessen Neusprech gewissermaßen noch „eins drauf“

Ihre Konzeption [der Kunstsprache Abilang] ist vom Neusprech des Angsoz. Als wir dieses Land besetzten, haben unsere damaligen Führer entdeckt, dass sein außerordentliches politisches System nicht nur auf Waffen beruhte, sondern auch auf der phänomenalen Macht seiner Sprache, dem Neusprech. […] Zur Grundlage ihrer Philosophie machten unsere damaligen Führer die drei Prinzipien, die der Schöpfung des politischen Systems des Angsoz vorausgegangen waren: „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“, „Unwissenheit ist Stärke“; sie fügte drei Prinzipien eigener Machart hinzu: „Tod ist Leben“, „Lüge ist Wahrheit“, „Die Logik ist das Absurde“. Das ist Abistan, ein wahrer Wahn.

Wollen wir hoffen, dass das – genauso wie 1984 – nicht Wirklichkeit wird.

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