Blick über den Zaun und in die Zukunft

Der Jahreswechsel ist ein guter Anlass, sich neu zu orientieren. Was wäre besser dafür geeignet als die sogenannte spekulative Literatur. Ich möchte daher zwei Science-Fiction-Anthologien vorstellen (bisher nur auf Englisch erhältlich):

 

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Dabei ist die Bezeichnung „Science-Fiction“ großzügig interpretiert. In den Geschichten über den Irak mischt sich magischer Realismus mit Phantastischem. Gleichzeitig wimmelt es nur so vor neuartiger Technologie von Tiger-Droiden bis zu winzigen Insekten-Bots mit psychedelischer Wirkung.

Ein zum Ende des Irakkriegs erschossener irakischer Soldat wird hundert Jahre später von Gott wieder nach Bagdad  zurückgeschickt, um die Menschen auf den rechten Pfad zu führen. Doch in dem geradezu paradiesischen Land will niemand etwas von Religion hören. Eine Statue spricht  mit einem Architekten im Traum, um wieder an ihren angestammten Platz zurückzufinden.

Was die Geschichten so außerordentlich spannend macht, ist die Tatsache, dass man nie weiß, welche Richtung sie nehmen werden. Das liegt nicht zuletzt an der (aus westlicher Sicht) ungewohnten Erzählweise, die munter  – und äußerst gelungen – Märchenelemente mit Hochtechnologie mischt. Darüber hinaus stößt man immer wieder auf kleine Juwelen wie zum Beispiel die Parabel von den Krähen (in: „The Worker“ von Diaa Jubaili, übersetzt von Andrew Leber):

They reminded me of that old story about crows who tried to copy the way that sparrows jumped from place to place. When they inevitably failed, the crows tried to return to their old way of walking, only to be unpleaseantly suprised that they had forgotten how to do so.

Also in etwa (meine Übersetzung):

Sie erinnerten mich an diese alte Geschichte von den Krähen, die versuchten wie Spatzen hin und her zu hüpfen. Wie erwartet gelang das den Krähen nicht. Also wollten sie wieder wie gehabt gehen. Doch in der Zwischenzeit hatten sie das verlernt, wie sie sehr zu ihrem Ärger feststellen mussten.

Auch in den chinesischen Geschichten werden wir mit einem frischen Blick auf die Welt konfrontiert. Eine Gruppe Soldaten ist damit beauftragt, genetisch manipulierte Ratten auszurotten; eine Gruppe bärtiger, alter Männer landet auf der Erde und behauptet, sie seien Gott und wollten sich auf der Erde zur Ruhe setzen.

In seinen Anmerkungen zu einer früheren Science-Fiction-Anthologie warnt Ken Liu davor, die Geschichten seiner Landsleute aus westlicher Brille zu betrachten:

„Westliche Leser betrachten die chinesische Science-Fiction leicht durch die Brille westlicher Träume, Hoffnungen und Märchen über chinesische Politik. „Subversion“ im westlichen Sinn des Begriffs mag hier zum interpretatorischen Schlüssel werden. … Ich möchte den Leser dringend darum bitten, solchen Versuchungen zu widerstehen. (Zitiert aus Perlentaucher)

Am besten ist daher: zurücklehnen, lesen und genießen. Und hoffen, dass nicht alles davon eintrifft.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Leser ein frohes, neues Jahr.

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2 Gedanken zu “Blick über den Zaun und in die Zukunft

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