Geniestreich oder Mogelpackung?

Diese Frage habe ich mir bei zwei Büchern gestellt, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch ein ähnliches Thema behandeln. Zum einen geht es um Eugen Ruges „Follower“, zum andern um Sebastian Fitzeks Das Joshua Profil, Deutscher Buchpreisträger auf der einen, Bestseller-Thrillerautor auf der anderen Seite. In beiden Romanen geht es (unter anderem) um die vernetzte Welt und darum, was es mit uns macht, wenn andere alles über uns wissen. An beide Romane bin ich völlig unbedarft herangegangen, d.h. ich kannte die „Vorgeschichte“ dazu nicht.

fitzek_ruge

In „Follower“ wacht der Geschäftsmann Nio Schulz orientierungslos in einem Hotelzimmer in China auf. Nichts ist, wie es scheint. Die Fliege auf dem Bildschirm ist in Wahrheit die Zeitanzeige und hinter den „unfarbenen“ Gardinen vermutet Schulz falsche Fenster. Diese Verwirrung hält mehr oder weniger den gesamten Roman über an. Nicht unwesentlich tragen die diversen modernen Selbstkasteiungstechniken dazu bei wie eine mehr oder weniger ausgeheilte Twittersucht oder der obligatorische Gesundheitscheck

Puls normal, Cholesterin / gesamt leicht über normal, pH-Wert / Blut leicht unter normal, […] Weniger Eiweiße zuführen, mehr Ausdauersport!

Gewissermaßen als Antidote zu Letzterem gibt es die passenden Drogen für jeden Anlass. Schulz ist Mitglied der AKWHs, der Anonymen Kritischen Weißen Heterosexuellen, eine Vereinigung, die eben dieser Gruppe Menschen zu pisi – politisch korrektem Verhalten verhelfen soll. Ich nehme an, es soll ironisch-lustig klingen, wenn Schulz sich am Frühstückstisch im Hotel an einen Tisch setzt, an dem eine „korpulente weiße“ Frau sitzt, die

ihren schönen – noch immer fiel ihm der korrekte Ausdruck für Afro nicht ein -, ihren nicht weißen, auch nicht pisi, ihren er-würde-es-googeln Freund beim Essen einer Zuckerschnecke fotografierte.

Die „korpulente Weiße“ und ihr „er-würde-es-googeln Freund“ wiederholt Schulz dann mehrfach. Bis dann eine weitere Person an seinem Tisch zu sitzen kam

ein gewaltiger Mensch, den Schulz spontan für einen Japaner hielt, vielleicht weil er ihn an einen Sumo-Ringer erinnerte, obwohl er sehr wahrscheinlich keiner war oder allenfalls ein ehemaliger Sumo-Ringer, denn er saß, wie Schulz mit einiger Verzögerung feststellte, im Rollstuhl, Sonderbefähigter also

Schließlich gelingt es Schulz, den „pisi“ Begriff für Afro zu googeln

Afro, verkürzt für aus Afrika stammend, kontextuell diskriminierend für Menschen mit starker Eumelanin-Pigmentierung, insbesondere wenn deren Herkunft ohne konkrete Veranlassungen fokussiert wird

Schulz wiederholt den Satz, spinnt ihn weiter, die korpulente Frau wird jetzt zur fetten Weißen

und die fette Weiße fotografierte wie besessen ihren, jetzt wusste er es: stark eumelanin-pigmentierten Freund

Ich verstehe schon: Es kann groteske Züge annehmen, wenn man „pisi“ soweit treibt, dass jeglicher Inhalt verloren geht und lediglich eine leere, politisch korrekte Worthülse übrig bleibt (ein gutes Beispiel für sinnentleerte Worthülsen hier). Aber neu ist das nicht und ich hätte es auch spätestens beim zweiten Mal verstanden. Nach der x-ten Wiederholung ist der Witz so was von tot, da ist selbst rattenkaputt nichts dagegen.

Parallel zu der Beschreibung von Schulz‘ Tagesablauf, den er zunehmend seiner Selbsterkundung widmet, werden die Untersuchungen des Bundeskriminalamts (BKA) montiert. Gleich zu Beginn – der Leser sieht Schulz noch im Hotel – wird Schulz als vermisst gemeldet. Anhand allerlei Statistiken und Auswertungen von der Anzahl und Art von Schulz‘ Kontakten über seinen Psychotyp bis zu seinem Sozial-Profil (sozialer Hintergrund: eher bildungsfern, vermutliches Wahlverhalten: Mitte, kriminelles Potenzial: stark, usw.) wird klar, wie umfassend die Beobachtung und Überwachung des Bürgers ist. Nach dem Motto Wer sucht, der findet wird die Beobachtung des BKA –  immer mithilfe der chinesischen Kollegen – auf Schulz‘ Umfeld ausgeweitet. Allerdings haben die diversen Tabellen und Statistiken nach dem dritten Mal lesen – auch wenn sie jedes Mal eine andere Person betreffen – ihren „Reiz“ verloren.

Und dann kommt ein fünfzigseitiger Einschub über die Ahnengeschichte von Schulz. Die ist gut geschrieben, hervorragend sogar, aber was bitte, hat das mit der aktuellen Handlung zu tun? Ich habe später gelesen, dass dies die Verbindung zu Ruges vorherigem Roman darstellt (der sich noch auf meinem Stapel ungelesener Bücher befindet). Nun, gut. Ich konnte mich allerdings nicht des Verdachts erwehren, dass ohne den Einschub die Geschichte einfach zu dünn gewesen wäre, um noch als Roman durchzugehen. Mein Fazit: Sprachlich stark, Story schwach.

In Sebastian Fitzeks Thriller „Das Joshua Profil“ geht es ebenfalls darum, wie die über uns angehäuften Daten gegen uns verwendet werden können. Nur dass es dieses Mal nicht die Regierung, sondern eine verbrecherische Bande ist, die die Daten verwendet. Hauptfigur ist Max Rhode, ein unbescholtener Bürger, der immer tiefer in den Sog einer mörderischen Geschichte gerät, die sich jemand anderes für ihn ausgedacht hat.

Fitzek spart sich viel Schreibarbeit, in dem er sein Alter Ego Max Rhode als Romanfigur wiederauferstehen lässt und den Inhalt von dessen Roman Blutschuld als Backstory für die vorliegende Geschichte verwendet. Das ist ziemlich clever. Ganz charmant auch, wie sich Fitzek über sein Alias als „erfolglosen“ und hin und wieder auch einfallslosen Schriftsteller lustig macht.

Das Personal besteht aus besagtem, bis auf seinen ersten Roman erfolglosen Autor in der Schaffenskrise, dessen aufmüpfiger, zehnjähriger Tochter und seiner zickigen Frau, die gerade dabei ist, sich aus der Familie abzuseilen. Soweit so klischee die Figuren. Dann wird Rhode an das Sterbebett eines Unbekannten gerufen

Über achtzig Prozent der Haut sind betroffen, fast alle Zonen dritten, manche sogar vierten Grades

Es handelt sich um einen Suizidversuch. Der Mann wollte sich selbst zu verbrennen. Wie von einem Thrillerautor nicht anders zu erwarten, nimmt das Plot rasant an Fahrt auf. Rhodes zehnjährige Tochter, die auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus auf den Vater wartet, wird betäubt und dann bewusstlos im Eingang der Station gefunden.

Das Jugendamt schaltet sich ein, da „Jola nur ein Pflegekind ist“. Kim, Rhodes Noch-Frau, wirft ihm vor,  nicht für das Kind da zu sein, und verkündet im selben Atemzug, dass sie einen anderen hat. Im weiteren Verlauf der Geschichte scheint sie allerdings das Schicksal des Mädchens zunehmend kalt zu lassen. Wenig glaubhaft, wie ich finde.

Rhode reagiert wie die meisten Väter reagieren würden: Er tut absolut alles, um das Kind zu behalten. Egal ob überlegt oder nicht, Moral hin oder her. Auftritt des Bruders Cosmo, einem verurteilten Kinderschänder. Das Verhältnis der Brüder ist, wie man sich unschwer vorstellen kann, angespannt. Und definitiv nicht hilfreich bei der Überprüfung des Jugendamts von Rhodes Umfeld.

Dann wird Jola wirklich entführt. Und kurz darauf tritt ein Effekt ein, den ich an anderer Stelle als Tod durch Ermüden bezeichnet habe (in diesem Fall der Leserin). Die Spannungsschraube wird angedreht und angedreht – Fitzek zieht sämtliche Register, selbst Wildschweine kommen zum Einsatz -, bis sie überdreht und man als Leserin nur noch wünscht, dass das Kind doch endlich gerettet werden möge.

Fazit: Die „Mogelpackung“ ist gelungen. Die Story hätte es auch mit einer Umdrehung weniger getan.

 

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Geniestreich oder Mogelpackung?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s